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Life Goes On
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Aalkmar
im August 2005
Tagebuch 5 von Gotty Müller
Der Saison-Höhepunkt !
Europameisterschaft im Handicap Radsport,
Hallo Freunde,
wie versprochen werde ich Euch nun von den
Europameisterschaften auf der Bahn und Straße
berichten, die vom 12.08 bis zum 20.08.05 in der
Niederländischen Käsestadt Aalkmar statt fanden. Mit
einigen Wochen Abstand sitze ich hier an meinem
Schreibtisch und lasse für Euch die EM
Revuepassieren, ich hoffe Ihr habt ein wenig Spaß
beim Lesen.
Erst zwei Wochen vor der EM bekam ich die
Nominierungs-Mitteilung das ich nun wirklich mit im
EM Team bin. Sechs sehr sehr harte Wochen lagen
hinter mir ich blieb bei meinem Trainingsprogramm
dieses mal ohne Verletzung und ohne Erkältung was in
der Vergangenheit nicht immer so war.
Es konnte nun endlich losgehen.
Am Tag vor der Abreise musste ich zuerst noch mit
dem Zug nach Koblenz fahren um mir den Verbands-Bus
meines Behinderten Sportverbandes abzuholen, ich
bekam den Bus kostenlos zur Verfügung gestellt. Bis
spät in die Nacht bepackte ich den Bus, Ihr glaubt
ja gar nicht was ich da alles mit nehmen musste.
Hier eine kleine Aufzählung:
Bahnrad mit Ersatzlenker und zwei Laufrädern,
Zeitfahrrad mit Aerolaufrädern und Hinterradscheibe
aus Carbon, Straßenrad natürlich auch mit zwei
Ersatzlaufrädern, dazu später noch mehr,
Warmfahrrolle für Bahn und Straße, Schläuche,
Bereifungen, Standpumpe, Werkzeugtasche, usw. der
Bus war voll bis unters Dach.
Am
Donnerstag Morgen ging es dann los zuerst durch die
Eifel, quer durch Belgien nach Holland, vorbei an
Maastricht, Eindhofen, Amsterdam und zum Ziel nach
Aalkmar.
Ich fuhr direkt zur Radrennbahn wo sich die
Mannschaft zum ersten Bahntraining und zum kennen
lernen der Bahn um 15 Uhr traf. Der erste Eintrug
war sehr gut eine fast neue Halle, die 250m Holzbahn
lief von Anfang an sehr gut, wie sich heraus
stellten sollte, eine schnelle Bahn. Nach dem
Training sollte es im Zelt vor der Radrennbahn das
erste Abendessen geben wir waren alle sehr gespannt
wie es den hier in Holland um die Kochkunst so
steht, in diesem Zelt sollten wir während der
gesamten Bahnwettbewerbe verpflegt werden.
Halleluja!! Sportler gerechte Ernährung war das nun
wirklich nicht was wir da jeden Tag aufgetischt
bekamen. Für mich, ich esse ja kein Fleisch, war es
schon sehr schwierig jeden Tag meinen Kohldampf dort
am Tisch zu bekämpfen. Wenn es schon mal Reis gab
dann aber mit Fleisch oder bei Gemüse wieder mit
Speckwürfel drin, so musste ich mich wie ein Huhn
pickend über die Runden bringen. Das Mittagessen war
jeden Tag das selbe Toast, Toast, Toast mit Käse
oder Wust da konnten die Lieben Helfer und
Helferrinnen nichts verkehrt machen, man sagte uns
das sei so üblich hier in den Niederlanden. Nach dem
feudalen Mahl fuhren wir ins Hotel, was uns hier
wohl erwarten würde, von außen sah es aus wie ein
Krankenhaus aber der äußere Schein trug, es war ok,
sehr nett eingerichtet was alle störte oder sagen
wir überraschte war die Tatsache das es keine
Fernseher auf den Zimmern gab. Im nachhinein war es
doch ok, wir trafen uns dann alle zusammen abends
zum Fernsehen das teilweise auch sehr lustig war und
man wurde einwenig auf andere Gedanken gebracht um
nicht ständig an den Wettkampf zu denken.
Apropos Wettkämpfe ja die begannen dann endlich am
Samstag, zuerst musste ich in der 4000m Verfolgung
in die Qualifikation. Hier ist es wichtig unbedingt
unter die letzten vier zufahren denn nur die besten
vier Zeiten kommen eine Runde weiter anderenfalls
wäre dieser Wettbewerb für mich schon zu Ende. In
den Finalläufen, die am nächsten Tag ausgefahren
werden, fährt die schnellste Zeit im großen Finale
um Gold gegen die zweite Zeit und das kleine Finale
um Bronze bestreitet die dritte Zeit gegen die
vierte Zeit.Die Verfolgung heißt aus dem Grund so
weil auf jeder Seite der Bahn ein Rennfahrer startet
und das man versuchen sollte seinen Gegner
einzuholen oder eben eine bessere Zeit wie sein
Gegenüber zu erzielen. Ich wurde in die letzte
Paarung ausgelost und musste gegen den aktuellen
Weltrekordhalter und Paralympics Sieger Roberto
Alcaide fahren.
Roberto
konnte für mich aber nicht das Maß sein den er und
Jiri Jezek fahren in einer anderen Liga sie sind
Profis, mein Ziel hieß ganz klar unter die besten
vier zu fahren. Von den Vorleistungen aus gesehen
war mir klar das Roberto so in der achten bis
zehnten Runde mich einholen und überholen wird. Ich
hatte mich vom Kopf her darauf eingestellt wenn er
vorbeizieht so lange wie möglich in seinem
Windschatten zu fahren vielleicht so noch das eine
oder andere Zehntel heraus zuholen um damit den
Kampf um die Bronze Medaille offen zu halten.
Meine Hoffnung wurde aber nur in einem Punkt
erfüllt, er kam am Ende der achte Runde an mir
vorbei, jedoch mit einem Tempo das mir überhaupt
keine Chance blieb auch nur einen Meter in seinem
Windschatten zu folgen. Ich dachte mir nur „ oh
verdammt „ was läuft denn hier ab. Roberto musste
sich gegenüber Athen nochmals gewaltig gesteigert
haben denn mit so einem Tempoüberschuss ist vorher
noch niemals jemand an mir vorbei geschossen. Ich
konzentrierte mich jetzt nur noch auf mich ich
kämpfte verbissen bis meine Muskulatur brannte mein
Rachen schmerzte vom schnellen hecheln nach Luft.
Geschafft, ich fuhr die drittbeste Zeit und hatte
mein erstes Ziel das kleine Finale gegen meinen
langjährigen Französischen Freund Patrik Cerria
erreicht. Das große Finale erreichten wie erwartet
Jiri Jezek, der seine Bestzeit um vier Sekunden
verbesserte, gegen der Spanier Roberto Alkaide der
mit einem absoluten Fabelweltrekord seine Zeit von
Athen um fast 10 Sekunden verbesserte, absoluter
Wahnsinn.
Jetzt
hieß es zuerst meine Beine auf dem Rad locker fahren
um dann anschließend von Katrin, unserer
Physiotherapeutin, auf der Massage Bank die
Muskulatur für den nächsten Tag fit kneten zu
lassen. Nach der Dusche und dem Abendessen ging ich
früh schon ins Bett aber die Gedanken an das Rennen
am nächsten Tag ließen mich einfach nicht
einschlafen. Man sollte zwar meinen das einem so
erfahrenen alten Haudegen die Nervosität kalt läst
aber das ist bei mir eben nicht so.
Direkt vor den Rennen bin ich total cool weil ich
mich aufs Rennen konzentriere aber der Abend oder
die Nacht davor ist schon sehr nervig. Am nächsten
Tag saß ich zwei Stunden vor meinem Start auf dem
Straßenrad und machte mich draußen auf den
zahlreichen Radwegen warm, nach zwei drei
Tempoeinheiten war ich dann pünktlich eine Stunde
vor dem Start wieder im Radstadion. Ich setzte mich
in unserer Deutschen Box in eine Ecke um mich auf
meinen Lauf zu konzentrieren.
Plötzlich Rufe von der Zuschauertribüne hinter mir,
hallo Gotty, hallo Gotty! Bevor ich mich umdrehte
wusste ich schon wer mir da rief denn es gibt nur
eine Frau hier in ganz Holland die mit so einem
sympathischen Schweizer Akzent spricht. Ich drehte
mich um und natürlich es war Monique Jenni die
Promotional Managerin von meinem langjährigen
Sponsor „ Össur „ dem Weltweit führenden Produzent
von Orthopädischen Produkten.
Nach einer kurzen Begrüßung versank ich wieder in
meine Konzentrationsphase wo mir dann plötzlich ein
Rennen von der Europameisterschaft 1995 durch den
Sinn schoss. In diesem Rennen fuhr ich auch gegen
meinen heutigen Gegner Patrik Cerria den ich damals
bei der EM besiegte und darüber hinaus auch noch
einen neuen Weltrekord aufstellte. Mit dieser
positiven Motivation ging ich an den Start ich
atmete noch mal tief durch und schon ertönten die
letzten fünf akustischen Sekunden Töne bis zum
Start. Ich kam sehr gut aus der Startmaschine raus
und ich fand auch schnell meinen Rhythmus. Mein
Trainer an der Seitenlinie zeigte mir in jeder Runde
den Abstand zu Patrik an der wie erwartet sehr
schnell startete. Ich fuhr meinen geplanten Rhythmus
weiter auch als ich nach drei Runden einen kleinen
Rückstand angezeigt bekam. In der sechsten von
sechzehn Runden kippte dann das kleine Finale zu
meinen Gunsten ich kam Runde um Runde näher an
meinen Gegner heran ich hatte ihn auf der Geraden
schon ganz nach vor mir.
Die letzte Runde „ Der erlösende Schuss“, die
Verfolgung wird mit einem Pistolenschuss durch den
Oberkampfrichter abgeschossen, es war geschafft ich
hatte mir die Bronzemedaille erkämpft. Ich war sehr
sehr glücklich über meine fünfzehnte internationale
Medaille seit meinem ersten Start bei der WM 1994 im
Belgischen Gent.
Trotz aller Glücksgefühle und Freude über die
Medaille verschwendete ich keine Gedanken an feiern
oder Party machen den nach zwei Tagen Pause standen
ja bereits die Straßenwettbewerbe auf dem Programm.
Als erster Straßenwettbewerb startete das
Einzelzeitfahren über 24km zu einer sehr sehr frühen
morgendlichen Stunde bereits um 9 Uhr. Als
Hintergrund zu solch einem frühen Start sollte man
wissen das man als Sportler vor einem Wettkampf vier
Stunden vorher bereits aufstehen und gefrühstückt
haben sollte, das heißt dann natürlich bereits um
kurz vor 5 Uhr raus aus den Federn.
Ich kam an diesem Tag sehr gut auf die Beine und ich
fühlte mich sehr gut am Start, es fällt einem ein
bisschen leichter am Abend vorher einzuschlafen wenn
man bereits eine Medaille erkämpft hat also keinen
Druck verspürt unbedingt heute in die Medaillen
Ränge zu fahren.
Genau um 9.16h ging es mit akustischer Unterstützung
von Monique Jenni los, Sie hatte sich auch sehr früh
morgens auf den Weg gemacht um uns Sportler hier
anzufeuern. Ich ging die erste halbe Runde mit etwa
90% an um die Muskulatur nicht gleich zu übersäuern
aber dann merkte ich das es sehr gut läuft und
drehte den Turbo auf maximale Leistung. Bei
Kilometer sechszehn lang ich bei der Zwischenzeit
auf Platz vier mit sehr guten Möglichkeiten um
weiter nach vorne zu kommen.
Nach der zweiten Zieldurchfahrt folgte eine scharfe
Linkskurve hier ereilte mich ein Missgeschick das es
auch nicht alle Tage gibt. Ich bremste aus ca.
50km/h ab um mich in diese Kurve zu legen doch
plötzlich blockierte das Hinterrad und es drohte ein
Sturz. Ich lenkte sehr schnell dagegen und richtete
mich auf um einen Sturz auf die Straße zu verhindern
jedoch ging mir jetzt die Straße aus und es ging
geradewegs einen Damm hinunter aufs Wasser zu.
Reaktionsschnell warf ich mich auf die linke Seite
um einen Sturz in diese grüne Brühe zu vermeiden was
mir auch gelang so landete ich sehr weich im hohen
Schilfgras. Mühsam krabbelte ich alleine den Damm
hinauf und setzte mein Rennen mit Wut im Bauch fort,
es war ja niemand da der mir hätte helfen können
denn Materialfahrzeug mit Betreuer die mir in solch
einem Fall helfen könnten waren nicht erlaubt.
Ich landete am Ende auf einem für mich enttäuschendem fünften Platz.
Nach der Computerauswertung sah man das ich vom
abbremsen in der Kurve bis zum weiterfahren 38
Sekunden verloren hatte und mit so einem Rückstand
hat man nun mal keine Chance weiter nach vorne zu
fahren. Der Grund für die Blockade des Hinterrades
war ein Bremsklotz der durch die entstehende Hitze
beim anbremsen auf der Carbonscheibe kleben blieb
und mir damit alle Medaillenchancen zu Nichte
machte. Jetzt hieß es so schnell wie möglich dieses
Missgeschick abhacken um sich auf morgen zu
konzentrieren, da stand ja bereits das abschließende
Straßenrennen auf dem Programm. Nach dem Frühstück
am nächsten Morgen, bei herrlichem Sonnenschein,
fuhr ich mit meinem Rennrad hinaus zur Rennstrecke
zum letzten Rennen der EM 2005 in Aalkmar. Als ich
dort ca. 1 Stunde später ankam traute ich meinen
Augen und Ohren nicht denn es begann plötzlich wie
aus heiterem Himmel an zu Gewittern und zu Stürmen,
es goss wie aus Kübeln.
Alles Jammern half nichts, Radrennen finden bei
jedem Wetter statt, meine Konkurrenten und ich
standen pünktlich am Start um uns trotz dem miesen
Wetter einen heißen Kampf zu liefern.
In strömendem Regen erfolgte der Startschuss, sofort
wurde attackiert um das Rennen schnell zu machen
damit sich schnell die Spreu vom Weizen trennen
sollte. Wie erwartet waren die Favoriten Jiri Jezec,
Roberto Alcaide und Eduard Novak die aktivsten, ich
wusste genau wenn eine Attacke von einem dieser drei
Rennfahrer kommt muß ich an dem Hinterrad sein und
genau so kam es auch.
Zu beginn der zweiten Runde setzte der Rumäne Eduard
Novak einen Angriff der so hart war das es das ganze
Feld zerriss. Ich hatte genau richtig spekuliert und
sein Hinterrad erwischt in meinem Windschatten
folgten Jiri und Roberto, die nächste Gruppe hatte
bereits einen Rückstand von ca. zweihundert Metern.
Er legte ein dermaßen schnelles Tempo vor das ich in
seinem Windschatten fast an meinem Limit fuhr als es
in eine schnelle Kurve ging geschah für mich mein
persönlicher Supergau.
Mein Hinterrad rutschte etwas merkwürdig weg aber
ich stürzte nicht, Jiri musste mir ausweichen um
nicht zu stürzen, ich dachte noch ach wegen der
nassen und schmierigen Straße ist mein Rad
weggerutscht. Nein, nein es durfte doch nicht sein,
wieder mal ich, wieso verdammt noch mal immer ich
der soviel Pech hat, ich hatte einen Plattfuss.Ich
stand jetzt hier auf einem Gottverlassenen
Holländischen Feldweg wie ein begossener Pudel,
vorne ging weiter die Post ab und von hinten kamen
die abgehängten Rennfahrer an mir vorbei geschossen,
ich schaute ihnen mit einem starren und vollkommen
leeren Blick unfassbar hinterher. Plötzlich war ich
ganz alleine, kein Zuschauer, kein Offizieller und
schon gar kein Materialwagen der mir in Null Komma
nix ein neues Hinterrad hätte geben können damit ich
weiterhin eine Chance gehabt hätte um die Medaillen
mitzukämpfen.
Alles um sonst, die ganze Vorbereitung mit all den
Schmerzen und Entbehrungen die vielen
Vorbereitungs-rennen in ganz Europa, alles musste
hinten anstehen ja auch die Familie kam mal wieder
viel zu kurz und nun das, ein lächerlicher Plattfuss
macht alles kaputt.
Schlimmer noch, diese drei in der Spitzengruppe
schafften es sich entscheidend abzusetzen, ich wäre
dort dabei gewesen mit der Chance um eine Medaille
zu kämpfen. In dieser Spitzengruppe spielten sich
noch weitere kleine Dramen ab zunächst bekam Jiri
einen Platten, mit viel Glück rettete er den dritten
Platz und in der letzten Kurve ca. 500m vor dem Ziel
erwischte es auch noch Roberto so das Eduard Novak
der glückliche Europameister wurde. Insgesamt hatten
acht Rennfahrer einen Defekt von denen sechs so wie
ich das Rennen vorzeitig beenden mussten.
Bereits im Vorfeld der Einzelzeitfahren und den
Straßenrennen hatte es Streit zwischen dem
Veranstalter und den Teamleitern der Nationen
gegeben, da der Veranstalter keine Materialfahrzeuge
während der Rennen zuließ. Auch heftigste Proteste
von uns Rennfahrern nutzte nichts, „ Solche Zustände
müsste man sich mal bei den Profis erlauben“ ich bin
überzeugt die würden unter diesen Umständen erst gar
nicht an den Start gehen. So etwas darf sich in
Zukunft nicht wiederholen. Die Verantwortlichen
müssen sich zusammen setzen und dem nächsten
Ausrichter von internationalen Wettkämpfen
vorschreiben, das Materialwagen ein absolutes Muss
sind, denn von den Rennfahrern verlangt man mehr und
mehr Professionalität gleiches muss man auch von den
Ausrichtern oder Veranstaltern verlangen können.
Soviel von mir, ich wünsche Euch eine schöne Zeit.
Gotty
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Gottys
Freudentanz mit
Alcaide und Jezek

Gotty mit seiner Familie

Gotty in action
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Tagebuch 4 von Gotty Müller
Hallo Freunde,
wie versprochen werde ich Euch nun von den
Europameisterschaften auf der Bahn und Straße
berichten, die vom 12.08 bis zum 20.08.05 in der
Niederländischen Käsestadt Aalkmar stattfanden.
Mit einigen Wochen Abstand sitze ich hier an meinem
Schreibtisch und lasse für Euch die EM Revue
passieren, ich hoffe, Ihr habt ein wenig Spaß beim
Lesen. Erst zwei Wochen vor der EM bekam ich die
Nominierungs-Mitteilung, dass ich nun wirklich mit
im EM Team bin. Sechs sehr harte Wochen lagen hinter
mir, ich blieb bei meinem Trainingsprogramm dieses
mal ohne Verletzung und ohne Erkältung, was in der
Vergangenheit nicht immer so war. Es konnte nun
endlich losgehen.
Am Tag vor der Abreise musste ich zuerst noch mit
dem Zug nach Koblenz fahren, um mir den Verbandsbus
meines Behindertensport-Verbandes abzuholen, ich
bekam den Bus kostenlos zur Verfügung gestellt. Bis
spät in die Nacht bepackte ich den Bus, Ihr glaubt
ja gar nicht, was ich da alles mitnehmen musste.
Hier eine kleine Aufzählung: Bahnrad mit
Ersatzlenker und zwei Laufrädern, Zeitfahrrad mit
Aerolaufrädern und Hinterradscheibe aus Carbon,
Straßenrad natürlich auch mit zwei Ersatzlaufrädern,
dazu später noch mehr, Warmfahrrolle für Bahn und
Straße, Schläuche, Bereifungen, Standpumpe,
Werkzeugtasche, usw. der Bus war voll bis unters
Dach.
Am Donnerstagmorgen ging es dann los. Zuerst durch
die Eifel, quer durch Belgien nach Holland, vorbei
an Maastricht, Eindhoven, Amsterdam und zum Ziel
nach Aalkmar.
Ich fuhr direkt zur Radrennbahn, wo sich die
Mannschaft zum ersten Bahntraining und zum kennen
lernen der Bahn um 15 Uhr traf. Der erste Eindruck
war sehr gut: eine fast neue Halle; die 250m
Holzbahn lief von Anfang an sehr gut, eine schnelle
Bahn. Nach dem Training sollte es im Zelt vor der
Radrennbahn das erste Abendessen geben. Wir waren
alle sehr gespannt, wie es hier in Holland um die
Kochkunst so steht, in diesem Zelt sollten wir
während der gesamten Bahnwettbewerbe verpflegt
werden. Halleluja !! Sportler gerechte Ernährung war
das nun wirklich nicht, was wir da jeden Tag
aufgetischt bekamen.
Für mich, ich esse ja kein
Fleisch, war es schon sehr schwierig jeden Tag
meinen Kohldampf dort am Tisch zu bekämpfen. Wenn es
schon mal Reis gab, dann aber mit Fleisch oder bei
Gemüse wieder mit Speckwürfel drin, so musste ich
mich wie ein Huhn pickend über die Runden bringen.
Das Mittagessen war jeden Tag gleich: Toast, Toast,
Toast mit Käse oder Wurst. Da konnten die lieben
Helfer und Helferinnen nichts verkehrt machen. Man
sagte uns, das sei so üblich hier in den
Niederlanden. Nach dem „feudalen“ Mahl fuhren wir
ins Hotel. Was uns hier wohl erwarten würde? Von
außen sah es aus wie ein Krankenhaus, aber der
äußere Schein trug, Es war OK, sehr nett
eingerichtet.
Was alle störte oder sagen wir
überraschte, war die Tatsache, dass es keine
Fernseher auf den Zimmern gab. Im Nachhinein war das
aber in Ordnung. Wir trafen uns dann alle zusammen
abends zum Fernsehen, was auch sehr lustig war und
man wurde ein wenig auf andere Gedanken gebracht, um
nicht ständig an den Wettkampf zu denken.
Apropos Wettkämpfe: die begannen dann endlich am
Samstag, zuerst musste ich in der 4000m Verfolgung
in die Qualifikation. Hier ist es wichtig, unbedingt
unter die letzten vier zu fahren, denn nur die
besten vier Zeiten kommen eine Runde weiter,
anderenfalls wäre dieser Wettbewerb für mich schon
zu Ende gewesen.
In den Finalläufen, die am nächsten Tag ausgefahren
werden, fährt die schnellste Zeit im großen Finale
um Gold gegen die zweite Zeit und das kleine Finale
um Bronze bestreitet die dritte Zeit gegen die
vierte Zeit.
Die Verfolgung heißt aus dem Grund so, weil auf
jeder Seite der Bahn ein Rennfahrer startet und das
man versuchen sollte seinen Gegner einzuholen oder
eben eine bessere Zeit als sein Gegenüber zu
erzielen.
Ich wurde in die letzte Paarung ausgelost und musste
gegen den aktuellen Weltrekordhalter und Paralympics
Sieger Roberto Alcaide fahren. Roberto konnte für
mich aber nicht das Maß sein, denn er und Jiri Jezek
fahren in einer anderen Liga: sie sind Profis. Mein
Ziel hieß ganz klar, unter die besten vier zu
fahren. Von den Vorleistungen aus gesehen war mir
klar, dass Roberto etwa in der achten bis zehnten
Runde mich einholen und überholen würde. Ich hatte
mich vom Kopf her darauf eingestellt, wenn er
vorbeiziehen würde, so lange wie möglich in seinem
Windschatten zu fahren und vielleicht so noch das
eine oder andere Zehntel herauszuholen, um damit den
Kampf um die Bronze Medaille offen zu halten. Meine
Hoffnung wurde aber nur in einem Punkt erfüllt: er
kam am Ende der achte Runde an mir vorbei, jedoch
mit einem Tempo, das mir überhaupt keine Chance
blieb, auch nur einen Meter in seinem Windschatten
zu folgen. Ich dachte mir nur: „oh verdammt, was
läuft denn hier ab?“ Roberto musste sich gegenüber
Athen nochmals gewaltig gesteigert haben, denn mit
so einem Tempoüberschuss ist vorher noch niemals
jemand an mir vorbei geschossen. Ich konzentrierte
mich jetzt nur noch auf mich. Ich kämpfte verbissen
bis meine Muskulatur brannte und mein Rachen
schmerzte vom schnellen Hecheln nach Luft.
Geschafft: Ich fuhr die drittbeste Zeit und hatte
mein erstes Ziel, das kleine Finale gegen meinen
langjährigen Französischen Freund Patrik Cerria,
erreicht. Das große Finale erreichten wie erwartet
Jiri Jezek, der seine Bestzeit um vier Sekunden
verbesserte, und der Spanier Roberto Alkaide, der
mit einem absoluten Fabelweltrekord seine Zeit von
Athen um fast 10 Sekunden verbesserte. Absoluter
Wahnsinn!
Jetzt
hieß es, zuerst meine Beine auf dem Rad locker
fahren, um dann anschließend von Katrin, unserer
Physiotherapeutin, auf der Massage Bank die
Muskulatur für den nächsten Tag fit kneten zu
lassen.
Nach der Dusche und dem Abendessen ging ich früh
schon ins Bett, aber die Gedanken an das Rennen am
nächsten Tag ließen mich einfach nicht einschlafen.
Man sollte zwar meinen, dass einem so erfahrenen
alten Haudegen die Nervosität kalt ließe, aber das
ist bei mir eben nicht so. Direkt vor den Rennen bin
ich total cool, weil ich mich aufs Rennen
konzentriere, aber der Abend davor ist schon sehr
nervig.
Am nächsten Tag saß ich zwei Stunden vor meinem
Start auf dem Straßenrad und machte mich draußen auf
den zahlreichen Radwegen warm, nach zwei, drei
Tempoeinheiten war ich dann pünktlich eine Stunde
vor dem Start wieder im Radstadion. Ich setzte mich
in unserer Deutschen Box in eine Ecke, um mich auf
meinen Lauf zu konzentrieren.
Plötzlich Rufe von der Zuschauertribüne hinter mir:
hallo Gotty, hallo Gotty! Bevor ich mich umdrehte,
wusste ich schon, wer danach mir rief, denn es gibt
nur eine Frau hier in ganz Holland, die mit so einem
sympathischen Schweizer Akzent spricht. Ich drehte
mich um und natürlich, es war Monique Jenni, die
Promotionmanagerin von meinem langjährigen Sponsor
Össur, dem weltweit führenden Produzenten von
Orthopädischen Produkten. Nach einer kurzen
Begrüßung versank ich wieder in meine
Konzentrationsphase,wo mir dann plötzlich ein Rennen
von der Europameisterschaft 1995 durch den Sinn
schoss. In diesem Rennen fuhr ich auch gegen meinen
heutigen Gegner Patrik Cerria, den ich damals bei
der EM besiegte und darüber hinaus auch noch einen
neuen Weltrekord aufstellte. Mit dieser positiven
Motivation ging ich an den Start. Ich atmete noch
mal tief durch und schon ertönten die letzten fünf
akustischen Sekundensignale bis zum Start.
Ich kam sehr gut aus der Startmaschine raus und ich
fand auch schnell meinen Rhythmus. Mein Trainer an
der Seitenlinie zeigte mir in jeder Runde den
Abstand zu Patrik an, der wie erwartet sehr schnell
startete. Ich fuhr meinen geplanten Rhythmus weiter
auch als ich nach drei Runden einen kleinen
Rückstand angezeigt bekam. In der sechsten von
sechzehn Runden kippte dann das kleine Finale zu
meinen Gunsten. Ich kam Runde um Runde näher an
meinen Gegner heran, ich hatte ihn auf der Geraden
schon ganz nah vor mir.
Die letzte Runde „ Der erlösende Schuss“, die
Verfolgung wird mit einem Pistolenschuss durch den
Oberkampfrichter abgeschossen, es war geschafft! Ich
hatte mir die Bronzemedaille erkämpft. Ich war sehr,
sehr glücklich über meine fünfzehnte internationale
Medaille seit meinem ersten Start bei der WM 1994
im Belgischen Gent. Trotz aller Glücksgefühle und
Freude über die Medaille verschwendete ich keine
Gedanken an feiern oder Party machen, denn nach zwei
Tagen Pause standen ja bereits die
Straßenwettbewerbe auf dem Programm.
Als erster Straßenwettbewerb startete das
Einzelzeitfahren über 24km zu einer sehr frühen
morgendlichen Stunde bereits um 9 Uhr. Als
Hintergrund zu solch einem frühen Start sollte man
wissen, dass man als Sportler vor einem Wettkampf
vier Stunden vorher bereits aufstehen und
gefrühstückt haben sollte, das heißt dann natürlich
bereits um kurz vor 5 Uhr raus aus den Federn.
Ich kam an diesem Tag sehr gut auf die Beine und ich
fühlte mich sehr gut am Start, es fällt einem ein
bisschen leichter, am Abend vorher einzuschlafen,
wenn man bereits eine Medaille erkämpft hat, also
keinen Druck verspürt, unbedingt heute in die
Medaillenränge zu fahren.
Genau um 9 Uhr16 ging es mit akustischer
Unterstützung von Monique Jenni los, sie hatte sich
auch sehr früh morgens auf den Weg gemacht, um uns
Sportler hier anzufeuern. Ich ging die erste halbe
Runde mit etwa 90% an, um die Muskulatur nicht
gleich zu übersäuern, aber dann merkte ich, dass es
sehr gut lief und drehte den Turbo auf maximale
Leistung. Bei Kilometer sechszehn langte ich bei der
Zwischenzeit auf Platz vier mit sehr guten
Möglichkeiten, um weiter nach vorne zu kommen.
Nach der zweiten Zieldurchfahrt folgte eine scharfe
Linkskurve, hier ereilte mich ein Missgeschick, das
es auch nicht alle Tage gibt. Ich bremste aus ca.
50km/h ab, um mich in diese Kurve zu legen, doch
plötzlich blockierte das Hinterrad und es drohte ein
Sturz. Ich lenkte sehr schnell dagegen und richtete
mich auf, um einen Sturz auf die Straße zu
verhindern, jedoch ging mir jetzt die Straße aus und
es ging geradewegs einen Damm hinunter aufs Wasser
zu. Reaktionsschnell warf ich mich auf die linke
Seite, um einen Sturz in diese grüne Brühe zu
vermeiden, was mir auch gelang. Ich landete sehr
weich im hohen Schilfgras.
Mühsam krabbelte ich alleine den Damm hinauf und
setzte mein Rennen mit Wut im Bauch fort. Es war ja
niemand da, der mir hätte helfen können, denn ein
Materialfahrzeug mit Betreuer, das mir in solch
einem Fall hätte helfen können, war nicht erlaubt.
Ich landete am Ende auf einem für mich
enttäuschenden fünften Platz.
Nach der Computerauswertung sah man, dass ich vom
Abbremsen in der Kurve bis zum Weiterfahren 38
Sekunden verloren hatte und mit so einem Rückstand
hat man nun mal keine Chance weiter nach vorne zu
kommen. Der Grund für die Blockade des Hinterrades
war ein Bremsklotz der durch die entstehende Hitze
beim Anbremsen auf der Karbonscheibe kleben blieb
und mir damit alle Medaillenchancen zunichte gemacht
hatte.
Jetzt hieß es, so schnell wie möglich dieses
Missgeschick abzuhaken, um sich auf morgen zu
konzentrieren, da stand ja bereits das abschließende
Straßenrennen auf dem Programm.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, bei
herrlichem Sonnenschein, fuhr ich mit meinem Rennrad
hinaus zur Rennstrecke zum letzten Rennen der EM
2005 in Aalkmar. Als ich dort ca. 1 Stunde später
ankam, traute ich meinen Augen und Ohren nicht, denn
es begann plötzlich aus heiterem Himmel zu gewittern
und zu stürmen, es goss wie aus Kübeln. Alles
Jammern half nichts, Radrennen finden bei jedem
Wetter statt, meine Konkurrenten und ich standen
pünktlich am Start, um uns trotz dem miesen Wetter
einen heißen Kampf zu liefern.
In strömendem Regen erfolgte der Startschuss, sofort
wurde attackiert, um das Rennen schnell zu machen,
damit sich umgehend die Spreu vom Weizen trennen
sollte. Wie erwartet, waren die Favoriten Jiri Jezec,
Roberto Alcaide und Eduard Novak die Aktivsten, ich
wusste genau wenn eine Attacke von einem dieser drei
Rennfahrer kommen würde, müsste ich an dem Hinterrad
sein und genau so kam es auch. Zu Beginn der zweiten
Runde setzte der Rumäne Eduard Novak einen Angriff,
der so hart war, dass es das ganze Feld zerriss. Ich
hatte genau richtig spekuliert und sein Hinterrad
erwischt. In meinem Windschatten folgten Jiri und
Roberto, die nächste Gruppe hatte bereits einen
Rückstand von ca. 200 Metern. Er legte ein dermaßen
schnelles Tempo vor, dass ich in seinem Windschatten
fast an meinem Limit fuhr. Als es in eine schnelle
Kurve ging, geschah für mich mein persönlicher
„Supergau“. Mein Hinterrad rutschte etwas merkwürdig
weg, aber ich stürzte nicht, Jiri musste mir
ausweichen, um nicht zu stürzen. Ich dachte noch,
wegen der nassen und schmierigen Straße sei mein Rad
weggerutscht. Nein, nein es durfte doch nicht sein,
wieder mal ich, wieso verdammt noch mal immer ich
der soviel Pech hat, ich hatte einen Plattfuss.
Ich stand jetzt hier auf einem gottverlassenen
holländischen Feldweg wie ein begossener Pudel,
vorne ging weiter die Post ab und von hinten kamen
die abgehängten Rennfahrer an mir vorbei geschossen,
ich schaute ihnen mit einem starren und vollkommen
leeren Blick perplex hinterher. Plötzlich war ich
ganz alleine, kein Zuschauer, kein Offizieller und
schon gar kein Materialwagen, der mir in null Komma
nichts ein neues Hinterrad hätte geben können, damit
ich weiterhin eine Chance gehabt hätte, um die
Medaillen mitzukämpfen. Alles umsonst: Die gesamte
Vorbereitung mit all den Schmerzen und Entbehrungen,
die vielen Vorbereitungsrennen in ganz Europa, alles
hatte hinten anstehen müssen, ja auch die Familie
war mal wieder viel zu kurz gekommen und nun das,
ein lächerlicher Plattfuss machte alles kaputt.
Schlimmer noch, diese drei in der Spitzengruppe
schafften es, sich entscheidend abzusetzen, ich wäre
dort dabei gewesen mit der Chance, um eine Medaille
zu kämpfen.
In dieser Spitzengruppe spielten sich noch weitere
kleine Dramen ab. Zunächst bekam Jiri einen Platten,
mit viel Glück rettete er den dritten Platz und in
der letzten Kurve, ca. 500m vor dem Ziel, erwischte
es auch noch Roberto, sodass Eduard Novak der
glückliche Europameister wurde. Insgesamt hatten
acht Rennfahrer einen Defekt, von denen sechs so wie
ich das Rennen vorzeitig beenden mussten.
Bereits im Vorfeld der Einzelzeitfahrten und der
Straßenrennen hatte es Streit zwischen dem
Veranstalter und den Teamleitern der Nationen
gegeben, da der Veranstalter keine Materialfahrzeuge
während der Rennen zuließ. Auch heftigste Proteste
von uns Rennfahrern nutzte nichts. Solche Zustände
müsste man sich mal bei den Profis erlauben! Ich bin
überzeugt, die würden unter diesen Umständen erst
gar nicht an den Start gehen.
So etwas darf sich in Zukunft nicht wiederholen. Die
Verantwortlichen müssen sich zusammensetzen und dem
nächsten Ausrichter von internationalen Wettkämpfen
vorschreiben, dass Materialwagen ein absolutes Muss
sind, denn von den Rennfahrern verlangt man mehr und
mehr Professionalität. Gleiches muss man auch von
den Ausrichtern oder Veranstaltern verlangen können.
So viel von mir, ich wünsche Euch eine schöne Zeit.
Life goes on, Euer Gotty!
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...los
geht's Gotty!

Gotty
in action

Vereinskamerad Matthias

Gotty bei der DM Weil

Gotty mit seinem Sohn Auch

Gottys Katze genießt die Sonne |
Tagebuch 3 von Gotty Müller
Ready, steady, go!
Hallo Leute, in meinem letzten Tagebuch habe ich von
meinen Vorbereitungen für die neue Saison berichtet
und heute möchte ich Euch erzählen wie es mir so bei
den vielen, vielen Rennen in der ersten Saison
Hälfte ergangen ist.
Meine
Saison-Planung musste ich auf zwei
Trainingshöhepunkten aufbauen.
Zunächst galt es mich auf die Qualifikationsrennen
für die Europa-Meisterschaften Mitte August in den
Niederlanden in Höchstform zu bringen, um dann –
nach
hoffentlich erfolgreicher Nominierung – einen
zweiten noch besseren Trainingszustand für die EM zu
erreichen.
Hier die sehr wichtigen acht Rennen die für die
Qualifikation zur Europa-Meisterschaft zählen:
Den Anfang machen die Deutsche Bahnmeisterschaften
in Augsburg mit dem 1000m Zeitfahren und der 4000m
Verfolgung, gleich gefolgt von den ersten Rennen im
Europacup in München, wo ein Einzelzeitfahren und
das Straßenrennen absolviert werden müssen. Diese
ersten vier Quali Rennen finden im Mai und die
restlichen vier im Juni statt. Zuerst musste ich
Anfang Juni in die Schweiz zum zweiten Europacup
Rennen, um dann Mitte Juni die erste Saisonhälfte
mit den Deutschen Straßenmeisterschaften
abzuschließen. Viele von Euch wissen, dass ich
sowohl bei ganz normalen Amateur- und Master-Rennen
wie auch bei Handicap Radrennen starte. In den
ersten beiden Rennmonaten März und April finden fast
ausschließlich Amateurrennen statt. Bei diesen
Rennen hole ich mir die Power und Kraft, um dann
Anfang Mai bei den ersten Handicaprennen in sehr
guter Form durchstarten zu können.Als ich vor
einigen Jahren meine ersten Nichtbehinderten-Rennen
fuhr, bekam ich von sehr vielen Rennfahrern
Aufmunterung und Lob: „ Super, dass du dich traust,
hier mitzufahren“ oder „ Was ein Glück, dass du nur
ein Bein hast, denn sonst hätten wir keine Chance“.
Heute bin ich bei den „normalen“ Rennfahrern voll
akzeptiert, ja es ist sogar so, dass man mich als
Konkurrent sieht, denn wenn ich eine Attacke fahre,
bleibt niemand der anderen Rennfahrer sitzen, sie
wissen genau: Wenn sie mich mal weg fahren lassen,
kann ich ein Rennen auch gewinnen.
Gleich nach dem zweiten Trainingslager, ich kam ja
gerade erst am Ostersamstag vom Trainingslager aus
Lloret de Mar zurück, stand am Ostermontag das erste
Rennen im saarländischen Saarlouis im Rennkalender.
Für die meisten der über 100 Starter war es wie für
mich auch der Saisoneinstand, der lediglich eine
Standort Bestimmung ist und dazu dient, den
aktuellen Wettkampf-Status zu erhalten. Dann folgten
Rennen auf Rennen: Fast jedes Wochenende ging es in
die Pfalz oder ins Saarland, es ging nach
Überherren, nach Offenbach, nach Saulheim oder nach
Dudenhoffen. Es lief jedes Wochenende besser und
besser, meine Formkurve zeigte stetig bergauf, die
Deutschen Bahnmeisterschaften konnten kommen. Am
letzten Mai Wochenende war es dann endlich soweit,
am Donnerstag, den 26. Mai, standen die
Bahnmeisterschaften in Augsburg und am Samstag, den
28. Mai, die Europacup Rennen auf dem Programm.
Um 14 Uhr war mein Start über die 1000m im
Zeitfahren. Ich spulte routiniert mein
Vorbereitungsprogramm ab und stand dann pünktlich um
14 Uhr am Start, als es dann endlich mit den Worten
„auf die Plätze, fertig, los!“ abging.
Ich kam sehr gut vom Start weg und erreichte sehr
schnell ein Tempo von über 50 Stundenkilometer. Ich
hatte während des Rennens ein gutes Gefühl, meine
Beine fühlten sich gut an und so kam am Ende eine
bessere Zeit heraus, als in der Vorbereitung für
Athen.
Ich siegte über die 1000m vor meinem
Vereinskameraden Matthias Schloss und auf den
dritten Platz kam Jürgen Kalfass aus der Nähe von
Freiburg.
Jetzt galt es, sich sehr schnell zu erholen, denn
schon in einer Stunde standen die 4000m Verfolgung
auf dem Zeitplan. Schnell eine Banane rein und die
Beine für eine halbe Stunde hochlegen, dann total
abschalten und entspannen.
Eine halbe Stunde vor dem Start begann ich mit der
Vorbereitung auf der Rolle, hier musste jetzt der
Kreislauf einige Male kurz voll belastet werden,
damit mir dann im Rennen nicht gleich nach dem Start
„die Beine zu gehen“, wie es in der Rennfahrer
Sprache heißt. Wie schon bei den 1000m lief es hier
auch sehr gut: mit der Zeit von 5:08.22min war ich
für diesen frühen Saison Zeitpunkt sehr zufrieden.
Die Reihenfolge auf dem Siegertreppchen war dieselbe
wie eine Stunde zuvor. Ich holte mir mit diesen
beiden Siegen meine Deutschen Meistertitel Nr.35 und
Nr.36. Ein schöner Erfolg!
„Life goes on” – Euer Gotty!
Fortsetzung:
Die Qualifikation für die EM in Aalkmar
Nach einem Tag Pause stand das erste Europacup
Rennen mit einem Einzelzeitfahren und dem
Straßenrennen in München an.
Die EC-Rennen sind eine echte internationale
Standortbestimmung, da hier fast alle Europäischen
Rennfahrer am Start sind. Hier sieht man dann schon
sehr deutlich, wo man steht und woran man noch
härter und intensiver trainieren muss.
Um 11
Uhr morgens starteten wir mit dem
Straßenrennen über 50km. Die Strecke führte entlang
der Olympia Ruderregattastrecke von 1972. Trotz sehr
vieler Attacken gelang es keinem Rennfahrer auf der
flachen Strecke sich abzusetzen und so kam es zu
einem Massensprint Finale wo ich der Glücklichere
war und sehr knapp mit einigen Zentimetern vor einem
Österreicher und einem Franzosen gewann. Auch nach
diesem Rennen hieß es, sich kurz verpflegen,
ausruhen und sich auf das um 15 Uhr angesetzte
Einzelzeitfahren über 20km zu konzentrieren.
Das
Vorbereitungsprogramm auf ein Zeitfahren läuft bei
mir schon seit Jahren immer gleich ab. Bei gutem
Wetter fahre ich eine Stunde vor dem Wettkampf mit
der Zeitfahrmaschine zum Warmfahren. Nach einem
lockeren einrollen folgen zwei kurze ca. 4-5 min.
Tempoeinheiten mit ca. 90% der maximalen Leistung
mit einer 15min Intervallpause, 90% bedeuten bei mir
ein Pulsbereich von 160 – 170 Schlägen in der
Minute. Bei schlechtem Wetter fahre ich mich mit dem
Straßenrad auf der Rolle mit denselben Einheiten
warm.
Da ich dieses Rennen im letzten Jahr gewinnen
konnte, startete ich als letzter und hatte die sehr
starken Rennfahrer mit einer Minute jeweils vor mir.
Das kann schon ungemein helfen, wenn man den
Konkurrenten vor sich sieht.
Ich fand sehr schnell meinen Rhythmus, das heißt,
dass man von Anfang an nicht überdreht und zum Ende
hin stirbt, ebenso darf man nicht zu langsam
starten, denn die verlorene Zeit holt man am Ende
nicht mehr rein. Es wurde am Ende sehr knapp, aber
ich konnte meinen Sieg aus dem vergangenen Jahr
wiederholen und ließ den Österreicher Wilberger mit
6sek. hinter mir.
Die erste wichtige Hürde zur Quali fürs
Europameisterschafts-Team hatte ich mit zwei Siegen
erfolgreich geschafft. Aber auf seinen Lorbeeren
ausruhen ist nicht, denn am kommenden Wochenende
stand ja schon das nächste Europacup Rennen in der
Schweiz auf dem Plan, wo ich mich wieder gegen die
internationale Konkurrenz behaupten musste.
Gippingen ist schon was ganz besonderes für uns
Handicap Rennfahrer, denn hier in der Schweiz
starten wir im Rahmenprogramm der Profis und die
Veranstalter behandeln uns genauso wie unsere großen
Vorbilder auch. Bei keinem anderen Rennen werden wir
so hofiert, die Siegerehrung findet auf der großen
Bühne statt, wir bekommen ein schönes Preisgeld –
immerhin so um die 100 Franken – und nach den Rennen
gibt es in den VIP Zelten reichlich zu essen und zu
trinken, natürlich alles kostenlos. Jedoch wer kennt
die Weisheit nicht: „Ohne Fleiß, kein Preis“! So
auch hier in der Schweiz.
Das Straßenrennen ist besonders schwer, es müssen
zwei Anstiege pro Runde bewältigt werden, hier haben
die Bergfahrer einen kleinen Vorteil und ich muss
schon sehr kämpfen, um am Berg den Anschluss nicht
zu verlieren. Ich hatte an diesem Tag sehr gute
Beine, es hatte sich eine größere Gruppe vom
restlichen Feld abgesetzt, die letzten beiden
Anstiege lagen hinter uns und der Rest der Runde war
nur noch flach bis zum Ziel.
Es sollte wieder mal zu einer Sprint-Entscheidung
kommen, hier muss man Mut haben, absolut cool
bleiben und erst ganz zum Schluss aus dem
Windschatten heraus fahren. Auf den letzten 200m
ging das große Gerangel mit Schubsen und Stoßen und
dem Ausfahren der Ellenbogen los. Es lief sehr gut
für mich, bei 50m scherte ich aus dem Windschatten
der beiden Österreicher aus und fuhr vorbei. Doch
ich hatte die Rechnung ohne den Franzosen Sebastian
Serriere gemacht. Er nutzte wiederum meinen
Windschatten aus und fuhr wenige Zentimeter vor mir
über die Ziellinie. Nun gut, zweiter Platz bei so
einem schweren Rennen.
Ich war
sehr zufrieden mit meiner Leistung und gratulierte
Sebastian fair für die noch etwas bessere Leistung
als meine.
Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker bereits um
6 Uhr, denn der Start zum Einzelzeitfahren war für
10 Uhr angesetzt. Das heißt für uns Rennfahrer, dass
wir so ca. 3-4 Stunden vor dem Wettkampf die letzte
größere Mahlzeit zu uns nehmen sollten, damit die
Verdauung während des Rennens abgeschlossen ist und
nicht noch zusätzlich den Kreislauf belastet. Wie
schon vor einer Woche in München ging ich auch hier
als letzter an den Start, jedoch schon nach 2-3km
spürte ich, dass sich meine Beine sehr schwer
anfühlten und vom Rennen am Vortag noch nicht
richtig erholt waren, es sollte heute für mich ein
Kampf gegen mich selbst werden. Als ich nach 15km im
Ziel war, fühlte ich mich so kaputt wie selten
vorher, aber als ich dann meine Platzierung über den
Lautsprecher hörte, war ich doch sehr über den
zweiten Platz überrascht und erfreut: Damit hatte
ich nie und nimmer gerechnet! Es hatte sich wieder
mal gezeigt, dass man immer, auch wenn man sich
nicht gut fühlt, doch bis zum Schluss kämpfen muss,
um seine Chancen zu nutzen, denn den anderen
Rennfahrern erging es wahrscheinlich genau so wie
mir. Es siegte Christian Wilberger aus
Österreich und auf den dritten Platz kam sein
Teamkollege Ernst Scheibner hinter mir ins Ziel.
Ich war insgesamt sehr happy, hatte ich doch mit
diesen Platzierungen hier in Gippingen und letzte
Woche in München das Ticket für die EM in Holland in
der Tasche. Ich hatte ja nicht nur gegen die
internationale Konkurrenz gut ausgesehen, sondern es
konnte mich auch keiner meiner Teamkollegen
besiegen.
Jetzt konnte ich entspannt nach Weil am Rhein zu den
Deutschen Straßenmeisterschaften schauen, die zwei
Wochen nach Gippingen stattfanden.
Die Deutschen Titelkämpfe finden üblicherweise wie
die Europacups auch an zwei Tagen statt. Den Anfang
machte am Samstag das Zeitfahren über 11,9km und am
Sonntag folgte dann das Straßenrennen über 69km. Wie
schon erwähnt, konnte ich ganz locker an die Rennen
ran gehen, der Druck für die EM Quali war weg, aber
ich wollte diese beiden Titel nicht kampflos
hergeben. Nach dem Warmfahren ging es um 14
Uhr für mich los. Gleich vom Start weg lief es
hervorragend, denn auf dem ersten Teil der Strecke
hatten wir leichten Rückenwind. Ich konnte es zuerst
gar nicht glauben, als ich auf meinen Tachometer
schaute und er mir eine Geschwindigkeit von 50km/h
anzeigte, wie gesagt bis zur Hälfte der Strecke
Rückenwind, und zurück hieß es dann: kämpfen!
Es lohnte sich wieder mal, ich siegte im Zeitfahren
mit über einer Minute Vorsprung mit einem fast
unglaublichen Schnitt von 44km/h. vor Matthias
Schloss und Jürgen Kalfass, der nochmals eine Minute
später ins Ziel kam.
Das Straßenrennen am nächsten Morgen fand in der
Innenstadt von Weil am Rhein statt, die Veranstalter
erhofften sich dadurch mehr Zuschauer, doch diese
Hoffnung erfüllte sich leider nicht, im Schwimmbad
war sicherlich Hochbetrieb.
Bei Temperaturen von über 30°C starteten wir um 13
Uhr auf dem kleinen Rundkurs in Weil, den wir über
50 Mal umrunden mussten. Gleich von Beginn an wurde
ständig attackiert und es setzte sich eine
Spitzengruppe vom Feld ab, die dann den Sieg unter
sich aus machen sollte. Ich konnte alle meine
Konkurrenten hinter mir lassen und ich holte mir
meinen Deutschen Meistertitel Nr. 38. Matthias
Schloss wurde zweiter und verwies Andy Walz auf den
dritten Platz.
Nach diesem Rennen hatten wir Rennfahrer unseren
Teil zur Qualifikation für die EM in Aalkmar
abgeliefert. Jetzt hieß es Geduld haben und auf die
Antwort vom Deutschen Behinderten Sportverband
warten, für einige heißt das Hopp oder Top.
Meine Trainings-Planungen gingen aber ganz klar auf
die EM hin. Nach der DM fuhr ich zusammen mit meiner
Frau Marita nach Südfrankreich zum Trainingslager
Urlaub. Marita ist ein absoluter Sonnenanbeter und
kann sich einfach so mehrere Stunden in die Sonne
legen und nichts tun, sie sagt immer das ist für
mich Urlaub, Sonne, Sonne und noch mal Sonne. Ich
machte einen zweiwöchigen Grundlagen Ausdauer
Trainingsblock mit Krafteinheiten in den Bergen, um
dann nach unserer Rückkehr mit den intensiven
Wettkampf-Vorbereitungen zu beginnen. Soviel bis
hierher von mir zu den Vorbereitungen für das große
Ziel, die EM.
Im nächsten Tagebuch berichte ich Euch von den
Europameisterschaften aus Aalkmar von den
Wettkämpfen auf der Radrennbahn und auf der Straße.
Ich werde aber auch von dem „Drumherum“ der
Veranstaltung berichten, da es in der Vergangenheit
sehr oft kuriose Dinge um den Sport herum gab.
Ich wünsche Euch noch eine schöne Zeit, bis bald.
„Life goes on“
Euer Gotty
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Gotty beim Training |
Tagebuch 2 von Gotty Müller
Neues Spiel, neues Glück?
Der lange, harte Weg zum Erfolg
Hallo Leute, heute möchte ich Euch von meinen
Vorbereitungen für die neue Saison berichten. Ich
werde sehr oft von Arbeitskollegen und Bekannten
angesprochen bezüglich des Trainings in den
Wintermonaten: „was machst Du eigentlich wenn es
schneit, regnet oder sehr kalt ist.
Darauf kann ich nur antworten: „ Trainieren,
trainieren und noch mal trainieren.
Wie ich Euch beim letzten Mal erzählte, beginnt
unsere neue Saison am 1. November mit lockerem
Einradeln im Grundlagenbereich, das heißt in
Pulsbereichen zwischen 120 bis 140 Schläge pro
Minute. Dieser Trainingsbereich wird im Jahreszyklus
des Radrennsports der Übergangsbereich genannt, man
beginnt hier einfach, sich wieder an regelmäßige
Belastung zu gewöhnen, aber ohne größere Belastungen
auf dem Rennrad.
In
dieser Phase beginne ich zunächst immer mit dem
Training im Kraftraum, später fahre ich dann zwei
bis dreimal pro Woche ins Studio, um die allgemeine
Rumpfmuskulatur und speziell auch die Muskelgruppen,
die fürs Radfahren sehr wichtig sind, aufzubauen.
Ein Beispiel soll Euch verdeutlichen, mit welchen
Gewichten ich hier arbeite, um die Power für die
neue Saison zu bekommen. Im Studio gibt es eine
Maschine die Beinpresse heißt, einige von Euch
werden selbst schon einmal an so einer Maschine
trainiert haben. Ich arbeite an dieser Maschine
immer abwechselnd mit einem Bein, 15 Wiederholungen
mit rechts, dem gesunden Bein, und dann 15
Wiederholungen mit links, mit der Prothese, um so
beide Beine auf das gleiche Kraftpotential
aufzubauen, damit stelle ich einen absoluten runden
Tritt auf dem Fahrrad sicher. Im Maximal
Kraftbereich schaffe ich mit einem Bein jeweils
110kg, wobei ich immerhin noch fünf Wiederholungen
mit links und mit rechts schaffe.
Ihr könnt ja bei Eurem nächsten Fitness Studio
Besuch einmal versuchen wie viel Kg Ihr maximal auf
der Beinpresse gedrückt bekommt.
Ab Januar endet die Übergangsphase und ich beginne
dann mit der ersten Vorbereitungs-Trainingsphase.
Diese Phase ist für die weitere Saisonplanung sehr
wichtig, da es hier darauf ankommt, das Fundament
für die Saison zu erarbeiten, um dann später die
Spitzenbelastungen überhaupt aushalten zu können.
Da wir in diesem Jahr bereits Anfang Februar zum
ersten Trainingslager nach Mallorca gingen, musste
ich in diese Vorbereitungsphase lange
Trainingsblöcke einbauen, damit das Traininglager
nicht nur zur Qual wurde.
Eine
Januar Vorbereitungswoche
sah bei mir z.B. so aus.
| Montag: Fitness Studio, Max Kraft und
allgemeine
Fitness, 2,5 Stunden
| Dienstag: Rad Straßentraining 80km
| Mittwoch: Rad Straßentraining 100km
| Donnerstag: Fitness Studio, Max Kraft und
allgemeine Fitness, 3 Stunden
| Freitag: Rad Straßentraining 100km
| Samstag: Rad Straßentraining 120km
| Sonntag: Rad Straßentraining 140km
Das Straßentraining wird überwiegend
im Grundlagenbereich mit hoher Trittfrequenz und im
K3 Bereich gefahren, wo die „Kraft mit Rad“ im
Vordergrund steht und analog dazu das Kraftstudio,
wo die Maximalkraft trainiert wird.
An den Tagen, an denen es regnete oder gar schneite,
musste ich den schweren Gang in den Keller gehen, um
auf der Rolle zu trainieren. Die Rolle ist ein
Trainingsgerät, in das ich mein Rennrad einspanne
und über einen Computer den Widerstand verändern
kann, um so die verschiedenen Straßenverhältnisse
simulieren zu können. Die Rolle ist bei den
Rennfahrern sehr unbeliebt, da es sehr öde ist, 3
bis 4 Stunden auf der Stelle seine Kilometer
abzustrampeln. Dazu kommt noch der fehlende
Fahrtwind, wodurch man sehr stark ins Schwitzen
kommt und nach dem Training meistens eine große
Pfütze unter dem Rennrad steht: Es ist nicht
wirklich angenehm!
Anfang Februar war es dann endlich so weit, auf nach
Mallorca in den Spanischen Frühling. Zum ersten
Trainingslager nach Mallorca kamen insgesamt 40
Rennfahrer, zwei Trainer, zwei Betreuer und ein
Physiotherapeut. Wir wohnten für zehn Tage in einem
vier Sterne Radsport Hotel, im Südwesten der Insel,
in Magaluf. Bei der Ankunft in Palma zeigte sich das
Wetter von seiner besten Seite, blauer Himmel und
15°C, optimale Trainingsbedingungen.
Am Abend wurde dann in einer ersten
Mannschaftsbesprechung der Trainingplan für die zehn
Tage aufgestellt. Es sollten zwei Trainingsblöcke
von je vier Tagen Belastung mit einem Ruhetag
trainiert werden. Der erste Block begann mit 100km
am ersten Tag, dann 120km,140km und am vierten Tag
150km und der zweite Block startete nach dem Ruhetag
mit 110km, dann 130km, 150km und am letzten Tag zum
Abschluss die Königsetappe mit 170km.
Jetzt wo ich das so aufschreibe geht mir das so
einfach von der Hand aber wie sehr ich, besonders
bei den sehr langen Etappen, gelitten habe könnt Ihr
Euch gar nicht vorstellen. Immerhin sitzt man bei
den langen Etappen 6 bis 7 Stunden im Sattel und das
zu einer Zeit, da einem das sprichwörtlich „dicke
Fell“ am Hinterteil noch fehlt.
Das notwendige Trainieren im Traininglager ist die
eine Seite, die hier geschult werden muß, aber auch
das kameradschaftliche Miteinander und den Einbau
der „Neuen Jungen Nachwuchsrennfahrer“ gehört
genauso zur Aufgabe der Trainer, Betreuer und auch
von mir als Aktivensprecher.
Hier eine Supertruppe zusammenzuschweißen, die sich
dann im Wettkampfstress gegenseitig beruhigen oder
auch aufputschen kann, ist entscheidend. Ich bin mir
sicher, dass wir hier wieder eine schlagkräftige
Truppe für die im August in den Niederlanden
stattfindende Europameisterschaft zusammengebracht
haben. Nach der Rückkehr von Mallorca stand dann
zunächst eine Woche lockeres Training auf dem Plan,
bevor dann die Vorbereitungen fürs zweite
Trainingslager in Lloret de Mare, Mitte März,
begannen.
Dieses zweite Trainingslager, eine Kooperation
zwischen dem Behindertensportverband Rheinland-Pfalz
und meinem Verein RV „Freiweg“ Serrig, organisierte
ich zusammen mit meiner Frau Marita.
Wie schon viele Male zuvor, trainieren hier
behinderte und nichtbehinderte Radrennfahrer
zusammen.
Alle fahren dieselben Distanzen, ob bergauf oder
bergab.
Da ich für die Leitung des Trainingslagers und als
Trainer der Rennfahrer meines Vereines zuständig
war, musste ich mich zusammen mit Marita um die
Unterkünfte kümmern, die Fahrt musste mit Bussen
organisiert werden und ich stellte die Etappen für
die sieben Trainingseinheiten zusammen.
Bei diesem Trainingslager standen gegenüber
Mallorca, wo überwiegend im Grundlagenbereich
trainiert wurde, schon wesentlich härtere Kraft- und
Tempoeinheiten auf dem Programm, denn schon wenige
Tage nach unserer Rückkehr stand das erste Rennen im
Saarländischen Saarlouis im Rennkalender. Die
Distanzen der einzelnen Etappen waren ähnlich lang
wie im Februar auf Mallorca. Zum Glück überstanden
wir die beiden Trainingslager ohne Erkältungen und
Stürze.
Bei beiden Trainingslagern war auch ein
junger Nachwuchsrennfahrer, Matthias Schloss aus der
Pfalz, mit dabei, der auch für meinen Heimatverein
startet und das Zeug dazu hat, vielleicht einmal in
meine Fußstapfen zu treten.
Ich versuche, ihn auf diesem Wege als Trainer und
als Freund zu unterstützen und hoffe sehr, dass bei
ihm bald der Knoten platzen wird. Beim nächsten Mal
werde ich euch Matthias Schloss im Interview
vorstellen, in dem er dann ausführlich über sein
Handicap, seine Familie und über seine sportlichen
Ziele erzählen wird.
Bis bald, “Life goes on” .
Gotty
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Tagebuch 1 von Gotty Müller
Mein Name ist Gottfried Müller, meine Freunde nennen
mich Gotty. Ich bin unterschenkelamputiert, ich
genieße und lebe seit über 10 Jahren meinen
Leistungssport, mein zweites Leben.
Meine Disziplinen sind der Bahnradsport und der
Straßenrennsport, wo ich mir in den vergangenen
Jahren die eine oder andere Meisterschaft und
Goldmedaille erkämpft habe. Nähere Infos über mich
könnt Ihr in einem Össur Interview und Steckbrief
nachlesen oder schaut kurz auf meiner Homepage (www.gotty-mueller.de)
vorbei.
An dieser Stelle werde ich Euch ab sofort Einblicke
in mein Sportler-, Berufs- aber auch in mein
Privatleben geben. Ich versuche, allgemein
interessante Storys von Amputierten zu präsentieren,
die Motivation und Ansporn, Mut oder Hilfestellung
für die Zukunft geben sollen. Spannende und lustige
Geschichten von Leuten, die mit beiden Füßen, auch
wenn es zwei Prothesen sein sollten, standhaft und
sehr gefestigt mitten im Leben stehen. So wie Du und
ich.
Beginnen möchte ich heute mit einer Geschichte über
mich, um Euch zu erzählen was so ein
„Leistungssportler“, außer seinem geliebten Sport,
noch so alles in seiner „Freizeit“ treibt.
Das Feuer der Spiele von Athen ist erloschen, die
Koffer und die Fahrräder sind eingepackt. Nach vier
langen Wochen geht es „endlich“ wieder nach Hause.
Der physische und psychische Stress, den man sich
teilweise selbst, aber auch durch die Medien und die
Erwartungen der Sponsoren aufgebaut hatte, ist auf
einmal wie weggeweht. Auf dem Heimflug kamen bei mir
jedoch die ersten Gedanken auf: Was werden wohl
meine Freunde, meine Arbeitskollegen, meine
Sponsoren, meine Familie zu Hause fragen? „Warum hat
es wieder nicht zu einer Medaille gereicht?“, werden
sie von meiner Leistung enttäuscht sein?
Aber diese Gedanken sind schnell wieder verflogen!
Egal was alle denken mögen, ich bin mit mir und mit
meiner Leistung zufrieden, ich habe alles gegeben,
gekämpft bis zum Umfallen. Ich bin viertbester
Rennfahrer der Welt geworden und ich sehe keinen
Grund, warum ich unzufrieden oder gar traurig sein
sollte, nur weil ich dieses Mal keine Medaille
bekommen habe. Nee, Nee!!
Zuhause angekommen kam dann alles ganz anders. In
meinem Heimatort Oberemmel, ein kleines Winzerdorf
in der Nähe der Saar gelegen zwischen Saarburg und
Konz, war bereits alles für einen großen Empfang
organisiert. Der Orts-Bürgermeister hatte alle
Dorfvereine mobilisiert, um an einem Dorfumzug
teilzunehmen.
Ich wurde mit einer offenen Pferdekutsche abgeholt
und mit Marschmusik der Oberemmeler Winzerkappelle
durch das ganze Dorf zum Empfang im Gemeindesaal
begleitet. Dort hatten sich sehr viele Oberemmeler
Fans eingefunden, um mit mir zusammen meine Erfolge
zu feiern.
Jeder der mich kennt, weiß, dass ich normal nicht
soviel Aufhebens um mich mag. Dieser Empfang war
jedoch etwas ganz Besonderes. Er hat mich sehr
berührt und gefreut. Ich möchte mich ganz herzlich
bei meinen Oberemmeler Fans hierfür bedanken.
Nach dem Trubel und all den Feierlichkeiten blieb
keine Zeit, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Auch
ein Leistungssportler, hat eine Familie, vielleicht
ein Haus, einen Garten und manche Baustelle, die
seit dem Einzug vor vielen Jahren immer noch nicht
fertig ist. Meine Frau Marita führt so insgeheim das
ganze Jahr über eine Liste mit kleinen Nettigkeiten
für mich, die ich dann im Herbst und Winter
erledigen muss!
In diesem Jahr war es verdammt viel, was sich da
angesammelt hatte, war doch die Vorbereitung auf
Athen so zeitintensiv! In den letzten Monaten hatte
ich nur noch eine Sache im Kopf gehabt, Radsport,
Radsport, Athen, Athen, sodass mir nicht mal für
Kleinigkeiten Zeit blieb. So ging es dann gleich am
ersten Wochenende nach den Spielen von Athen zur
Sache, 14 Raummeter Holz für unseren Kachelofen
mussten mit der Schubkarre in den Holzschuppen
gefahren werden, natürlich nicht ohne Blasen an
beiden Händen. Gleich in der Woche darauf begann
mein über einen Monat dauerndes Martyrium, um aus
einer „Garagenbaustelle“ eine angemessene Unterkunft
für Auto und Fahrräder zu kreieren.
Zuerst musste ich 27 qm Bodenfließen verlegen und
verfugen, oh ich sage Euch, mein Rücken....
anschließend waren die Wände dran ,die heute in
einem strahlenden Weiß leuchten und zum Abschluss
wurde die Decke der 8 Meter langen Garage mit Holz
vertäfelt.
Man glaubt gar nicht, wo man überall Muskelkater
bekommen kann. Auch als Leistungssportler bleibt man
davon nicht verschont. Aber damit war die Liste
meiner Frau immer noch nicht zu Ende: Es ging munter
weiter, jetzt aber im Hause. Alle Räume sollten mit
Laminat Fußboden erneuert werden, und einiges mehr.
Tja, weder auf seinen Lorbeeren ausruhen, noch auf
sein Handicap kann man sich „rausreden“!
Im Moment ist Waffenstillstand in Müllers
Arbeitslager, der bis nach dem ersten Trainingslager
dauern wird und dann kommen noch die Außenanlagen
dran. In dieser „arbeitsreichen Freizeit“ lag auch
noch der 1. November: Das ist für mich, aber auch
für alle anderen Rennfahrer, der Start in die neue
Radsport Saison. Wir im Verein beginnen dann jeden
Montag mit dem Hallentraining. Ein- bis zweimal die
Woche gehen wir ins Fitness-Studio und am Wochenende
fahren wir mit dem Mountainbike oder mit den
Straßenrädern. Je nach Wetter trainieren wir auch
auf der Rolle, jeder für sich alleine stundenlang im
Keller.
Ihr könnt mir glauben. dass ich oft mit mir kämpfen
musste, trotz der vielen Arbeit zu Hause, eben doch
die Motivation zu finden, um aufs Rad zu steigen und
mein Trainingspensum abzuspulen. Gegenüber der
letzten Saison habe ich dieses Jahr ein bisschen
ruhiger begonnen. Mein Kilometerstand liegt im
Moment so bei 3.500km, im vergangenen Jahr waren es
zum gleichen Zeitpunkt über 1.000km mehr. Jetzt
freue ich mich schon riesig auf die beiden
Trainingslager im Februar auf Mallorca, wo sich die
Nationalmannschaft mit über 30 Sportlern zum
Grundlagen- Trainingslager trifft und dann
anschließend geht’s im März weiter zum zweiten
Trainingscamp, das wahrscheinlich in Loret de Mare
(Spanien) stattfinden wird. Wir, die
Nationalmannschaft, sind natürlich sehr daran
interessiert, dass sich sehr viele Sportler, mit und
ohne Handicap, für unseren Sport begeistern und wir
Euch zum mitmachen animieren können, um den einen
oder anderen vielleicht im nächsten Jahr bei unseren
Trainingslagern oder Rennen begrüßen zu können. Bei
nächsten Mal berichte ich aus dem Trainingslager
über den Stand der Dinge und werde Euch dann einen
Mannschaftskollegen vorstellen. Soviel von mir fürs
erste, bis bald. “Life goes on” – Ein Leben ohne
Einschränkungen!
Euer Gotty
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