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Erich Winkler in Athen





















 

 

 

 

 






Erich Winkler - mein Held in Athen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Gotty und Erich Winkler


Athen: Montag der 27.09.2004

Gotty Müller: Erich Winkler - mein wahrer Held von Athen 2004

Der letzte Wettkampftag der Paralympics in Athen ist fast vorbei.
Ich sitze total abgekämpft, schweißgebadet mit rasendem Puls in unserer Mannschaftsbox, die direkt auf der Rückseite der Rennstrecke liegt. Vor wenigen Minuten überquerte ich die Ziellinie beim abschließenden Einzelzeitfahren von Athen, wahrscheinlich das letzte große internationale Rennen meiner Karriere. Nach und nach, fast im Minutentakt, kommen unsere Jungs und Mädels aus dem deutschen Team auch in unsere Box gefahren. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich: nur einer jubelt über Gold, einige sind sehr enttäuscht, niedergeschlagen und kämpfen mit den Tränen und wieder andere schauen fragend in die Runde, weil sie so fertig sind und nicht mitbekommen haben, welche Zeit oder welchen Platz sie im Zeitfahren erreicht haben.

Schräg gegenüber sehe ich Erich sitzen. Ihm tropft der Schweiß von der Stirn, gierig aus einer Flasche trinkend und völlig ausgepumpt nimmt er sich ein Handtuch und vergräbt sein Gesicht darin, was mag jetzt wohl in ihm vorgehen?
Vor etwas mehr als einer Woche sind wir hier in Athen, aus dem gemeinsamen achttägigen Trainingslager in Italien mit der Fähre angereist. Wir trainierten sehr hart und unsere Form verbesserte sich Tag für Tag, sodass wir alle gut gelaunt und voller Tatendrang den Beginn der Spiele kaum erwarten konnten.

Erich Winkler wird zum Start der 3000 Meter Verfolgung aufgerufen. Er setzt sich voll konzentriert noch einmal auf einen Stuhl und schaut den Kommissären zu, wie sie sein Bahnrad in die Startmaschine einspannen. Das 30 Sekunden Zeitsignal ertönt, unaufhaltsam läuft die Uhr auf Null und nach dem Startschuss beginnt für ihn sein erstes paralympisches Radrennen.
Er kommt sehr schwer vom Start weg, seine Fans auf der Tribüne feuern ihn an, er kämpft und gibt alles, kann aber nicht verhindern, dass sein Kontrahent ihn kurz vor dem Ziel einholt. Seine Enttäuschung über den 5. Platz ist sehr groß er hatte sich soviel vorgenommen - doch seine Nerven hielten seinem eigenen Druck nicht stand.

Plötzlich Rufe, ja Schreie aus der Ferne dringen zu uns in die Box, Eva kommt angerannt und ruft immer wieder Bronze, Bronze, Bronze. Erich hat längst sein Handtuch vom Gesicht genommen, ist aufgesprungen und schaut ungläubig in die Richtung, aus der die Schreie kommen. „Erich, du hast Bronze, du hast Bronze“, immer und immer wieder ruft dies Eva und fällt Erich um den Hals. Ich glaube jetzt erst wird ihm deutlich, dass er gemeint ist. Das ganze Team springt auf. Jeder möchte Erich umarmen. Es bildet sich schnell eine Menschentraube, es fließen die ersten Tränen.

Mit großem musikalischen Tamtam ertönt die
Einmarschmusik zur Siegerehrung. Alle deutschen Sportler, Betreuer und Trainer ebenso wie der extra angereiste dreißigköpfige Erich Winkler Fanclub, alle in blauen T-Shirts, stehen erwartungsvoll wartend an den Absperrgittern. Ein erster Jubelsturm bricht los, als die Sportler zum Podest schreiten. Anschließend werden ihnen die Medaillen überreicht, natürlich bekommt auch jeder den Olivenkranz aufgesetzt und beim Abspielen der Nationalhymne fließen wieder Tränen.

Doch dann plötzlich laufen zwei Kinder in diesen streng abgeschirmten Bereich, direkt zum Siegerpodest hin. An den blauen T-Shirts erkenne ich die beiden Mädchen von Erich Winkler. Beide steigen sie auf das Podest und umarmen ihren Daddy so fest, als wollten sie sagen, hier bekommt ihr uns nicht mehr weg. Die Offiziellen reagierten Gott sei dank überhaupt nicht und ließen diese glücklichen drei heulend bis zum Ende der Hymne auf dem Siegertreppchen stehen. Dieses Bild ging um die Welt. Zu Recht, wie ich finde, es ist auch mein Bild der Spiele.

Ich schaute mich um und sah nur heulende glückliche Menschen, die sich in den Armen lagen, Sektkorken knallten. Auch mir erging es nicht anders: Ich bekomme heute immer noch eine Gänsehaut, wenn ich an diesen Tag und die Siegerehrung zurückdenke.
Es war schon etwas eigenartig, dieses Gefühl meiner riesigen Freude über die Bronzemedaille für meinen Freund Erich denn meine Freude und Emotionen waren viel stärker als ich sie selbst bisher bei einer meiner vielen eigenen Siegerehrungen erlebt hatte. Vielleicht sollte das so zum Abschluss meiner letzten Paralympics sein: als Entschädigung für die knapp verpassten eigene Medaille.
 

Karfreitag der 13. April 2001
Zwei junge Männer sind mit ihren schweren Motorrädern auf dem Heimweg von einer kleinen Feiertagstour. Wenige Kilometer von zu Hause entfernt stürzt einer der beiden in einer scharfen Kurve, fast ungebremst rutscht er über die Straße und bleibt an einem Leitplanken-Pfosten hängen und wird sehr schwer verletzt. Koma, fünf lange Wochen Ungewissheit, das Leben von Erich Winkler hängt an einem seidenen Faden.
 

15. März 2005 Mallorca Trainingslager
Ich begrüße Erich Winkler während unseres Trainingslagers auf Mallorca in meinem Zimmer zum Interview.

"Hallo Erich, schön, dass Du Dir die Zeit genommen hast, um unseren Lesern einiges, wie ich finde sehr interessantes, aus Deinem Leben und von Deinem Radrennsport zu erzählen."


| Gotty: Wie alt bist Du und was hast Du vor Deinem Unfall gearbeitet?

Erich: Ich bin 37 Jahre alt und ich habe mit meiner Frau Karin zusammen zwei Kinder, Alexa ist fünf und meine große Tochter ist 12 Jahre alt. Ich bin gelernter Raumausstatter und ich hatte vor meinem Unfall einen kleinen Betrieb mit über 10 Angestellten.


| Gotty: Welche Erinnerungen hast Du noch an
Deinen Unfall?


Erich: Wie bereits weiter oben kurz erwähnt, stürzte ich in einer Kurve mit meiner Yamaha.
Es ging alles so verdammt schnell, doch als ich so da lag war ich so erstaunt und konnte es gar nicht verstehen, wo da plötzlich mein Onkel und meine Tante her kamen und dann wurde es auch schon dunkel.
 

| Gotty: Wie ging es dann in der Klinik weiter?

Erich: Mein großes Glück an diesem Tag war, dass die beiden bei ihrem Reitausflug durch Zufall gerade hier, unmittelbar nach meinem Sturz, vorbeikamen. Mein Onkel ist Arzt und nur durch seine sofort eingeleitete Erstversorgung bin ich heute noch am Leben. Ich wäre dort auf der Straße verblutet, er hat mir mein Leben gerettet! Ich wurde zuerst zur Notoperation nach Landshut geflogen, wo sie schnellstmöglich die inneren Blutungen durch einen Arterienriss stoppen mussten und brachten mich anschließend ins Münchener Klinikum.


| Gotty: Welche Verletzungen hast Du bei dem
Sturz erlitten?


Erich:
Es war fast alles kaputt, mein rechter Arm wurde beim Sturz an der Leitplanke abgerissen, mein linkes Bein war so schwer verletzt, dass es im Knie amputiert werden musste, mein linkes Bein konnte durch mehrere Operationen während der fünf Wochen, die ich im Koma lag, Gott sei Dank, gerettet werden.

| Gotty: Wie war das, als Du nach den fünf langen Wochen aus dem Koma aufgewacht bist?

Erich: Als ich aus dem Koma aufwachte war meine Frau Karin bei mir, die natürlich sehr erleichtert war, dass ich wieder zu den Lebenden gehörte. Ich hätte so gerne mit ihr gesprochen, doch ich hatte in Mund und Nase noch Schläuche, mit denen es mir unmöglich war, zu sprechen.


| Gotty: Wie und wann hast Du realisiert, dass Du amputiert bist?

Erich:
Ja gleich nach dem ich aufgewacht bin hatte ich das Gefühl, dass ich meine Arme auf meiner Brust verschlungen hätte, doch es fühlte sich irgendwie anders an und als ich dann an mir runter schaute, sah ich, dass mir der rechte Arm und das linke Bein fehlten, es war schon ein großer Schock. In den folgenden vier Tagen, an denen ich nicht sprechen konnte machte ich mir sehr intensive Gedanken über mein Leben: wie sollte es so wohl weiter gehen mit meiner Familie und mit meiner Arbeit? Was könnte ich denn so, nur mit einem Bein und einem Arm, überhaupt noch machen?


| Gotty: Wer stand Dir in dieser Zeit zur Seite?

Erich: Das waren sehr viele Leute, natürlich mein Schatz und meine beiden Mädchen, dann
mein Onkel und besonders meine Tante die meine Frau auch zuhause sehr unterstützten und sehr viele Freunde, die mich abwechselnd im Krankenhaus besuchten. In dieser Zeit sind mir meine Selbstzweifel völlig abhanden gekommen. Ich fand sehr schnell wieder Mut und die Motivation, so schnell wie möglich dortheraus zu kommen.

| Gotty: Wie ist Deine Familie mit deiner
Behinderung zurecht gekommen?


Erich: Da gab es keine großen Probleme bei meiner Frau. Sie hatte sehr schnell erkannt, dass es so nicht, also mit meinem damaligen Beruf, weitergehen konnte und sie hat in der Zeit meines Komas alles in die Wege geleitet, damit wir nach meinem Aufwachen gleich neu durchstarten können. Meine Tochter Linda, finde ich, hat es sehr gut verkraftet und auch sehr schnell akzeptiert, dass der Papa jetzt nur noch einen Arm und ein Bein hat und meine kleine Tochter Alexa, war damals noch sehr klein, aber Sie hat natürlich die ganze Aufregung mitbekommen und es ist auch für Sie heute kein Problem.

| Gotty: Wie hast Du Dich in dieser Zeit selbst
motivieren können?


Erich: Damit hatte ich überhaupt kein Problem. Wir hatten schon Anfang des Jahres eine Urlaubsreise in die Türkei gebucht, die im September statt finden sollte und da wollte oder musste ich mit meinen drei Mädels unbedingt hin und wir haben es wirklich geschafft. Auch meine Freunde halfen mir auf meinem Weg zurück ins „normale Leben“: Sie wollten mich unbedingt mit auf die Wiesen zum Oktoberfest nehmen, was wir dann auch zusammen gemacht haben, es war mein erster öffentlicher Auftritt.


| Gotty: Hattest Du Sorgen und Ängste um Deine Zukunft?

Erich: Ja, ganz am Anfang schon, aber nachdem mir klar wurde, dass meine Frau schon sehr viel in beruflicher Richtung geregelt und in die Wege geleitet hatte, wusste ich, dass wir es zusammen schaffen würden, uns gemeinsam eine neue Existenz aufzubauen.


| Gotty: Wann hast Du Deine ersten Prothesen
bekommen und wie fühlte sich das an?

Erich: Bereits sieben Wochen nach meinem Unfall, noch im Krankenhaus in München, bekam ich meine ersten Prothesen. Natürlich ging das am Anfang noch nicht sehr gut mit dem Gehen, aber in der anschließenden Reha in Murnau lernte ich sehr schnell, mit den beiden Prothesen zurechtzukommen. Heute ist das kein Thema mehr und die
anfängliche Skepsis war nach den ersten Laufversuchen schnell vergessen.


| Gotty: Bis Du mit Deiner heutigen
Protheseversorgung zufrieden?

Erich: Nach den ersten beiden Versorgungen habe ich heute ein elektronisches Knie, dass mir bei meinen Aktivitäten im Beruf und im Sport sehr hilfreich ist und mir vor allem sehr große Sicherheit beim Gehen und vor allem auch beim Treppensteigen gibt.


| Gotty: Welche Verbesserung würdest Du Dir an
Deiner Prothese wünschen?


Erich: Zum einen hoffe ich, dass die doch sehr schweren Oberschenkelprothesen in Zukunft sehr viel leichter werden. Zum zweiten wünsche ich mir einen Fuß, den ich jeweils auf die Absatzhöhe meiner Schuhe einstellen kann.


| Gotty: Diesen Wunsch könnten wir Dir sehr schnell
erfüllen: Schau nur kurz auf die Össur.de Homepage, unter dem Link „Füße“ findest Du die gesamte Flex-Foot Serie mit dem „Elation„, der genau für diese Anwendungen entwickelt wurde.



| Gotty: Ganz am Anfang unseres Gespräches hast
Du mir von Deiner kleinen Raumausstatterfirma erzählt, was arbeitest Du heute?


Erich: Nach dem wir unsere Firma verkauft hatten, liebäugelten wir mit einer Tankstelle und
einem dazu gehörenden Mini-Markt. Im September 2002 begann ich, für einige Monate bei dieser Tankstelle zu arbeiten, um herauszufinden, ob es das Richtige für uns ist. Seit Anfang 2003 haben wir nun die Tankstelle und es klappt eigentlich alles sehr gut. Ich kümmere mich um den täglichen Ablauf und meine Frau macht die gesamte Buchhaltung.


| Gotty: Hast Du vor Deinem Unfall schon Sport
betrieben?

Erich: Na klar, ich war in vielen verschiedenen Bereichen sportlich engagiert, wobei ich beim Fußball und Tennis richtig aktiv war und in einer Mannschaft spielte.


| Gotty: Wie hast Du den Kontakt so schnell zum Behindertensport bekommen und wie bist Du
gerade beim Radsport gelandet?


Erich: Schon im August nach meinem Unfall suchte ich Kontakt beim Bayerischen Behinderten Sport Verband, wo ich die Adresse von Norbert Ippich bekam, der ein sehr erfolgreicher Oberschenkelamputierter Radrennfahrer ist. Ich traf mich dann 2002 mit ihm und wir sind auch ein bisschen geradelt. Seine Einstellung und Freude am
Radsport haben mich dann total fasziniert und so bin ich dabei geblieben.
 

| Gotty: Ich kenne Norbert Ippich auch schon einige Jahre: Er ist ein Kämpfertyp. Bist Du auch so ein Kämpfer?

Erich: Ja, das bin ich absolut! Aber nicht nur im Sport, ich möchte immer alles geben, im Training sowie im Wettkampf und wenn das Ergebnis dann nicht für ganz vorne reicht kann ich trotzdem mit mir zufrieden sein, denn ich habe alles gegeben.


| Gotty: Was sind denn bisher Deine größten
Erfolge?


Erich: Das Jahr 2004 war mein erfolgreichstes: Ich holte die Bronzemedaille bei der Deutschen Meisterschaft auf der Straße und bei der Bahn DM sogar Silber. Das Highlight war aber ganz klar die Bronzemedaille in Athen, ein Traum wurde Wirklichkeit. Ich weiß nicht, ob ich es ohne die großartige Unterstützung meiner Familie und meines Fanclubs noch geschafft hätte, mich auf den dritten Platz nach vorne zu kämpfen.

| Gotty: Ich habe Dich ja die ganze Zeit in Athen beobachten können, wie Du es geschafft hast die bittere Niederlage auf der Bahn wegzustecken. Ich sehe Dich noch, wie fertig und enttäuscht Du warst, das unterstreicht Deine absolute Kämpfernatur, Hut ab!
 

| Gotty: Was sind Deine nächsten sportlichen Ziele?

Erich: Kurzfristig stehen in diesem Jahr die EM in Holland und die DM's auf dem Programm und langfristig natürlich die Spiele 2008 in Peking, wo ich versuchen werde, das Ergebnis von Athen noch zu verbessern.
Gotty: Davon bin ich total überzeugt! Ich werde mir die Spiele 2008 dann im Fernsehen anschauen und Dir beide Daumen drücken.
 

| Gotty: Zum Abschluss würde mich noch
interessieren, ob Du ein Lebensmotto hast?


Erich: Ja, nicht so richtig, aber ich halte mich so an einen Spruch, der da lautet:
„Das etwas nicht funktioniert gibt's nicht, kurz gesagt, Geht nicht, gibt's nicht!"


| Gotty: Ich möchte Dir für die Zukunft alles
erdenklich Gute wünschen und mich bei Dir für
dieses sehr offene Interview auch im Namen von Össur recht herzlich bedanken.


Erich: Ich sage auch vielen Dank und hoffe sehr, dass ich anderen Amputierten auch ein wenig Mut machen kann, immer zu kämpfen und niemals aufzugeben.