|

Matthias Schloss (li) und Gotty
Müller bei der DM 2005


Matthias im
Trainingslager |
Interview
mit Matthias Schloss, Nachwuchs-Radrennfahrer auf
dem steinigen Weg nach Peking
Hallo Leute,
wie in meiner letzten Tagebuchnotiz angekündigt,
möchte ich Euch einen jungen Nachwuchs-Radrennfahrer
vorstellen, der wie ich den linken Unterschenkel
amputiert hat. Er ist ein „reinrassiger Pfälzer“,
ein lustiger, angenehmer und vor allem sehr
positiver Typ. Er hat sehr oft, wie man im
Sprachgebrauch sagt, den „Schalk im Nacken“. Er hat
mir Emotionales und Privates aus seiner
Vergangenheit und Gegenwart, aber auch von seinen
großen sportlichen Zukunftspläne erzählt.
Leipzig 2000 „Der Anstoß“
Ich traf Matthias Schloss das erste Mal am Stand von
Össur beim Weltkongress 2000 in Leipzig. Ich
präsentierte dort neue Produkte von Össur und zeigte
auf meinem Rennrad, dass man trotz Handicap in der
Lage ist, Top-Leistungen auch im
Nichtbehinderten-Sport zu erreichen.
Er hatte sich wie sehr viele andere Anwender auf den
Weg nach Leipzig gemacht, um sich über den neuesten
Stand der Prothesen-Technik zu informieren. Er
sprach mich am Stand von Össur an und wir sprachen
über die neuen Liner, das Icex Schaftsystem, aber
auch über meine Sportprothese und so landeten wir
schließlich beim Handicap-Radsport. Er zeigte sehr
großes Interesse und sagte zu mir, „vielleicht
schaue ich ja im nächsten Jahr mal bei den Deutschen
Meisterschaften vorbei“. Diese oder ähnliche Worte
habe ich schon von sehr vielen Messebesuchern
gehört, dann aber nie mehr etwas von ihnen gehört,
bei Matthias Schloss kam es dann aber ganz anders.
Augsburg 2001 „Der Start“
Was ich zum damaligen Zeitpunkt nicht wusste, war,
dass sich Matthias genau vier Wochen vor unserem
Treffen in Leipzig sein erstes Rennrad gekauft
hatte. Ich konnte ihn wohl durch unser Gespräch so
animieren, dass er sein Training tatsächlich
forcierte, um sich dann still und heimlich auf die
Deutschen Bahnmeisterschaften vorzubereiten.
Die Überraschung war ihm gelungen: seine
Konkurrenten kamen aus dem Staunen nicht mehr
heraus, als sich ein absoluter Nobody auf Anhieb den
3.Platz bei den Deutschen Bahnmeisterschaften in
Augsburg erkämpfte.
Teplice 2003 „ Der erste Höhepunkt“
Matthias hatte Blut geleckt. Er verbesserte sich
Rennen für Rennen, Saison für Saison. Nach dem
dritten Platz in Augsburg folgten vordere
Platzierungen beim Europacup in Konz und viele
Bronze- und Silbermedaillen bei Deutschen
Meisterschaften auf Bahn und Straße.
Auf seine Leistungsexplosion angesprochen, sagte er
mir: „Früher hab ich mich bei 32°C lieber in die
Sonne gelegt und heute fahr’ ich eben trainieren und
im Anschluss kommt das Vergnügen“.
Seine Leistungen blieben natürlich auch dem
Bundestrainer nicht verborgen und so folgte als
logische Konsequenz seine erste Berufung in den
Nationalkader für die Europameister-schaften im
tschechischen Teplice. Matthias forcierte im Vorfeld
sein Training und fuhr voller Optimismus zur EM, er
kämpfte und gab alles. Am Ende landete er auf dem
16. Platz im Straßenrennen und auf dem 18. Platz im
Zeitfahren. Nach der EM sagte er: „ Ich bin dort
hingefahren um zu lernen, doch man merkt schon, dass
international ein anderer Wind weht, es gibt noch
viel zu tun“.
Athen 2004 „ Der erste Rückschlag“
Das paralympische Jahr begann für Matthis Schloss
überaus erfolgreich mit 3 Deutschen
Vizemeistertiteln, einmal Bronze und dem 7.
Gesamtplatz im Europacup.
Er machte sich natürlich Hoffnungen auf eine
Nominierung fürs Team Athen, die dann aber nicht in
Erfüllung gingen. Für Matthias kein Grund, den Kopf
in den Sand zu stecken. Wie bereits erwähnt: Immer
positiv denken! „ In diesem Jahr reichte es eben
noch nicht für die Teilnahme an den Paralympics in
Athen. Es wäre für mich die Erfüllung eines Traums
gewesen, aber jetzt weiss ich, wofür ich kräftig
weiter kämpfen werde, um mein nächstes großes Ziel
zu erreichen: Peking 2008“, so sein sportlich fairer
und optimistischer Kommentar nach dem Bekanntwerden
seiner Nichtnominierung.
Weil am Rhein 2005
„Auf dem Weg nach Peking 2008“
Das Jahr eins nach den Paralympics bedeutet nicht,
es jetzt mal locker anzugehen, sondern es ist das
erste Jahr auf einem langen Qualifizierungs-Marathon
für die Spiele 2008 in Peking. Der Weg ist immer
derselbe: zuerst national alle hinter sich lassen,
um sich dann mit diesen Erfolgen international für
die Europa und Weltmeisterschaften zu qualifizieren,
denn nur mit Top Platzierungen gegen die Weltbesten
hat man eine Chance auf eine Nominierung für das
Team Peking 2008.
Matthias ging diese Saison voll motiviert an und hat
die ersten Rennen in diesem Jahr super gut beendet,
denn seine vier Deutschen Vizemeistertitel in
Augsburg und Weil am Rhein und einige vordere
Platzierungen in den Europacuprennen können sich
absolut sehen lassen.
Man spürt es regelrecht: der Junge ist heiß auf
mehr, er sagte: „Ich bin heute auch mit dem Kopf
richtig dabei. Ohne Training fehlt mir was und ich
werde richtig nervös“ und „dass die Rennfahrerei
einmal soviel Zeit in Anspruch nimmt hätte ich nie
gedacht, aber ohne Training und all die Qualen gibt
es kein Erfolg“. Das alles sind Aussagen von
Matthias, die mich optimistisch stimmen, dass er den
Biss hat und alles versuchen wird, diesen langen,
harten und schmerzhaften Weg zu gehen, um am Ende
sein großes Ziel zu erreichen.
Mallorca und Loret de Mar 2005
Bei unseren gemeinsamen Frühjahrs-Trainingslagern
mit der Nationalmannschaft und mit unserem Verein RV
„Freiweg Serrig“ sprach ich Matthias Schloss an und
fragte ihn, ob er bereit sei, mir und unseren Lesern
einiges aus seinem Leben zu erzählen. Er sagte
sofort ohne zu zögern zu und das Resultat könnt Ihr
im Anschluss lesen. Ich wünsche Euch nun viel Spaß
beim Interview mit Matthias Schloss.
| Gotty: Hallo Matthias, vielen Dank dass du dir
die Zeit genommen hast. Zunächst möchte ich dich um
einige persönliche Daten bitten.
Matthias: Ich bin mittlerweile 35 Jahre, wie
die Zeit vergeht...., bin verheiratet mit Esther und
unser Sohn Marian ist fünf Jahre alt.
| Gotty: Erzähle uns bitte wie und wann es zu Deiner
Amputation kam?
Matthias: Im September 1991 hatte ich einen
Motorradunfall, bei dem mir mein linker
Unterschenkel abgetrennt wurde. Die Ärzte konnten
nichts mehr machen, im Krankenhaus war dann nur noch
eine
Nachamputation nötig.
| Gotty: Wie waren deine Gefühle als du nach der
OP aufgewacht bist?
Matthias: Ich war selbst von mir überrascht,
dass ich von Anfang an so gut zurecht kam. Klar
musste ich alles erst verarbeiten und es gab
natürlich auch Momente, an denen man das alles nicht
wahr haben wollte, oder wo einem zum Heulen war,
vielleicht habe ich es sogar getan, ich weiss es
nicht mehr.
| Gotty: Wie ging die Versorgung in der Klinik
weiter?
Matthias: Nachdem in der Klinik alle anderen
Verletzungen versorgt waren, bekam ich meine erste
Interimsprothese und die Therapeuten fingen an, mich
wieder auf beide Füße zustellen und ich schaffte auf
Anhieb meine ersten Schritte, ich war mächtig stolz
auf mich. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in der
anschließenden Reha hatte ich ein sehr gutes
Gangbild mit der Prothese und jeder Schritt weiter
machte mich innerlich stark, ja jede 5 Meter
weiter, die ich schaffte, waren für mich wie ein
Weltrekord.
| Gotty: Wer stand dir in dieser Zeit zur Seite
und hat dich motiviert?
Matthias: Meine damalige Lebenspartnerin und
heutige Ehefrau Esther. Sie musste nicht viel sagen
oder tun, denn unsere Liebe war Motivation genug,
sie schweißte uns nur noch fester zusammen. !! Ich
wolle nur kein Mitleid und jeder sollte mich so
akzeptieren, wie ich jetzt bin. Sollte ich jedoch
„morgen“ oder „übermorgen“ Hilfe brauchen, wäre es
schön, wenn dann jemand da wäre. Mitleid war für
mich damals wie heute demotivierend.
| Gotty: Wie waren die Reaktionen bei deinen
Eltern und in deinem Freundeskreis?
Matthias: Ich denke, dass meine Eltern schwer
damit zu kämpfen hatten und es lange Zeit nicht wahr
haben wollten. Bei Freunden und Bekannten konnte ich
schon eine gewisse Unsicherheit beobachten, weil sie
nicht wussten wie sie mich ansprechen sollten. Nach
den ersten Gesprächen, ich sprach sehr offen über
die Amputation, war der Druck weg und die Leute
gehen heute ganz normal mit mir und meinem Handicap
um.
| Gotty: Wie reagierst du heute auf Neugierige?
Matthias: Früher habe ich mich recht
zurückhaltend gegenüber Neugierigen verhalten,
vielleicht aus Scham oder so. Dies hat sich jedoch
stark geändert seit ich meine Prothese beim
Radfahren offen zeige, ja ich würde sogar sagen, das
Radfahren hat mich in diese Richtung stark und
offener gemacht.
| Gotty: Welchen Beruf hattest du vor der
Amputation und was machst du heute?
Matthias: Ich hatte vor dem Unfall
Kraftfahrzeugschlosser gelernt und habe nach dem
Unfall meinen Kraftfahrzeugtechniker gemacht und bin
heute auch noch in dieser Branche tätig.
| Gotty: Hat sich deine Lebenseinstellung
verändert?
Matthias: Ich habe nach dem Unfall viele
Schmerzen ertragen müssen und das hat mich abgebrüht
gegenüber den so genannten „kleinen Wehwehchen“. Ich
bin aber auch in brenzligen Situationen vorsichtiger
geworden und überlege heute zweimal die möglichen
Konsequenzen bevor ich etwas tue.
| Gotty: Hast du schon vor der Amputation Sport
betrieben?
Matthias: Als kleiner Junge habe ich alles
Mögliche getan und direkt vor dem Unfall bildete ich
meinen Body mit „Kraftsport im Fitness-Studio“.
| Gotty: Was machst du sonst noch in deiner
Freizeit?
Matthias: Den Rest meiner Freizeit verbringe
ich mit meinem Sohn Marian und meinem Schatz Esther.
| Gotty: Welches Gefühl fehlt dir seit deinem
Unfall am meisten?
Matthias: Das befreite „Losrennen“ ohne mir
Gedanken zu machen, dass ich eine Prothese trage.
| Gotty: Aus vielen Gesprächen von
Messebesuchern weiss ich, dass es beim ersten Mal
schon geschmerzt hat, wie verlief deine erste
Prothesenversorgung?
Matthias: Meine erste Prothese war schon
recht abenteuerlich, weil mein Stumpf nicht
belastungsfähig war. Scheuerstellen, offene Wunden
und ein sich ständig verändernder Stumpf waren das
Problem. Es mussten permanent Veränderungen am
Prothesenschaft vorgenommen werden. Diese
Erscheinungen begleiteten mich ca. 4 Monate.
| Gotty: Was war denn anders an deiner zweiten
Prothesenversorgung?
Matthias: Die zweite Prothese war eine
Prothese nach Bot Prinzip (Baumwollstrümpfen und mit
Weichwandtrichter). Am Anfang war es ein angenehmes
Gefühl gegenüber der ersten Prothese. Ein jedoch
weiter abnehmender Stumpf erforderte nach weiteren 2
Monaten einen zusätzlichen Baumwollstrumpf und der
direkte Stumpf-
Prothesen Kontakt ging immer mehr verloren und im
Sommer kam das Schwitzen hinzu und der Tragekomfort
war nicht mehr wirklich angenehm.
Gotty: Bist du mit deiner heutigen
Prothesenversorgung zufrieden und empfindest du
Einschränkungen?
Matthias: Ja, die Technik ist auch hier nicht
stehen geblieben und heute habe ich eine
Unterschenkelprothese mit einem Silikonliner, der
mir einen sehr guten Tragekomfort und einen sicheren
Kontakt zwischen Stumpf und Prothese bietet. Bei
extremer Hitze schwitze ich etwas mehr im Liner dann
zieh ich ihn einfach runter, mach ihn trocken
und weiter geht’s, das geht schnell und einfach.
Einschränkungen durch die Prothese habe ich keine,
nur das Schalten
am Motorrad geht recht schlecht!!
| Gotty: Aus welchen Komponenten besteht deine
aktuelle Prothese?
Matthias: Ich laufe heute auf einem C-Walk
Fuß und meine Liner sind Iceross Comfort und der
Iceross Sport-Liner.
| Gotty: Was ist dir das Wichtigste im Hinblick
auf eine Prothese?
Matthias: Gute Qualität, Komfort, vielseitig
einsetzbar und das Aussehen!
| Gotty: Und wie sollte deine Prothese der Zukunft
aussehen?
Matthias: Sehr wichtig ist das schmerzfreie
Tragen der Prothese, ein Allroundfuß zum Laufen und
zum normalem Gehen. Ja, sie sollte – einfach gesagt
– einem normalen Bein sehr gleichkommen.
| Gotty: Wie hast du Össur kennen gelernt?
Matthias: Durch meinen Prothesenbauer der
Firma „Storch & Beller“ und persönlich durch einen
Besuch bei einer REHA-Messe in Leipzig.
| Gotty: Weiter oben habe ich bereits einige
deiner sportlichen Erfolge aufgeführt, welche sind
denn für dich die wichtigsten?
Matthias: Ganz klar die Teilnahme an der
Europa Meisterschaft 2003, sowie mehrere Deutsche
Vizemeisterschaften. Sehr wichtig sind aber auch die
kleinen Siege gegen sich selbst so z.B. bei meinem
ersten Europacup Rennen, wo ich von Krämpfen geplagt
schon aufgeben wollte, dann aber doch den
Schweinehund überwand und dafür mit dem dritten
Platz belohnt wurde.
| Gotty: Welche Ratschläge würdest du anderen
Beinamputierten geben?
Matthias: Es ist schwierig, hier Ratschläge
zu geben, aber ich kann eins sagen, das Leben geht
auch nach der Amputation weiter und wenn das
verstanden wurde, kann die Zukunft nur positiv sein.
| Gotty: Was sind deine Wünsche und Ziele für die
Zukunft?
Matthias: Gegen den Wunsch gesund zu bleiben,
werden alle Wünsche klein. Als sportliches Ziel
steht ganz klar die Teilnahme an den Paralympics
2008 in Peking an erster Stelle.
| Gotty: Hast du ein Vorbild, sportlich oder
allgemein?
Matthias: Lance Armstrong und Gotty
| Gotty: Wie lautet Dein Lebensmotto?
Matthias: Ich lebe „jetzt“.
| Schlussfrage: Das Leben ist ein Comic, welche
Figur möchtest Du sein?
Matthias: Ich glaube, dass diese Figur erst
noch erfunden werden muss. Aber solange könnte ich
als „Lucky Luke“ ganz gut leben.
Lieber Matthias,
vielen Dank auch im Namen von Össur für dieses
Interview und alles Gute für deine private und
sportliche Zukunft. Ich bin mir sicher, dass du alle
deine Ziele erreichen wirst. Ich werde dich
sportlich noch eine Weile auf diesem Wege begleiten
und wann immer du es wünschst, kannst du dich auf
meine Hilfe und meine Erfahrung verlassen.
„Life goes on„! Bis bald, Euer Gotty!
|