Interview mit Gotty Müller
Ihm stehen
alle Wege offen
Das Leben von Gottfried Müller änderte sich
schlagartig, als er im Alter von 18 Jahren bei einem
Motorradunfall ein Bein unterhalb des Knies verlor.
Es begann eine Periode der Hoffnungslosigkeit und
Verzweiflung, und eine Zeitlang dachte er nur noch
daran, daß das meiste im Leben nun für ihn
unerreichbar wäre.
Dann kam der Wendepunkt: Ihm wurde klar, daß es
keinen Grund gäbe, die Probleme größer zu machen als
sie schon waren, und um sich das selbst zu beweisen,
kaufte er sich ein Fahrrad. Bevor er sich´s versah,
nahm er im In- und Ausland an Radwettkämpfen teil -
und das mit hervorragendem Erfolg. Heute ist
Gottfried Weltmeister und mehrfacher Europa- und 34
mal Deutscher Meister im Radrennen und auf dem Weg
nach Athen zu seinen dritten Paralympischen Spielen
im September.
| Nach dem Unfall ein großes Tief
Gottfried Müller oder Gotty, wie er genannt wird,
lebt mit seiner Frau und seinem 18-jährigen Sohn in
Konz-Oberemmel in der Nähe von Trier. Vor dem
Unfall, so erzählt er, habe er ein ziemlich
sorgloses Leben geführt. Er hatte damals eine
Bäckerlehre hinter sich, arbeitete in seinem Beruf
und benutzte seine Freizeit, um mit seinen Freunden
auf dem Motorrad herumzufahren.
"Der Unfall war ein furchtbarer Schock für mich,
mein Leben veränderte sich von einem Augenblick zum
anderen", erzählt Gotty weiter von diesem
Schicksalsschlag. "Mein linkes Bein war so verletzt,
daß es keine Möglichkeit gab, es zu retten. Es mußte
unterhalb des Knies amputiert werden. Ich war sechs
Monate im Krankenhaus, bis die Wunden verheilt
waren. Das war eine sehr schwere Zeit. Damals gab es
das noch nicht, daß einem im Krankenhaus eine
Rehabilitierung oder psychische Unterstützung
angeboten wurde. Es gab niemanden, der einen beraten
konnte, und mir wurde nicht einmal gesagt, wohin ich
mich wenden könnte, um eine Prothese zu erhalten. Im
Krankenhaus war ich ein halbes Jahr - ich war
vollkommen am Ende und dachte nur noch an all das,
was ich wegen meiner Behinderung niemals wieder
würde tun können".
Gottfried berichtet weiter, daß vom Krankenhaus aus
nichts unternommen wurde, ihn mit anderen
Behinderten in Kontakt zu bringen. Es hätte ihn,
meint er, ganz bestimmt seelisch aufgerichtet, hätte
er mit eigenen Augen gesehen, wie andere mit einer
solchen Situation fertig wurden. "Meine Freundin
Marita, die später meine Frau wurde, war mir damals,
genauso wie heute, eine unschätzbare Hilfe. Meine
restliche Familie und meine Freunde standen mir
ebenfalls tatkräftig zur Seite und munterten mich
auf, wenn es mir einmal schlecht ging. Nachdem ich
aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war klar, daß
ich das Backgewerbe aufgeben müßte, denn mit der Art
von Prothese, die ich damals trug, konnte man
unmöglich lange Zeit hintereinander stehen. Ich
beschloß deshalb umzusatteln, etwas Neues und
Interessantes zu lernen und wählte mir eine
Computerausbildung. Man kann wohl sagen, daß sich
damit mein Leben zum Guten gewendet hat."
| Ein Neubeginn
"Die Computerausbildung war sehr interessant; ich
machte gute Fortschritte", setzt Gotty fort. "Mit
einem Mal ging es aufwärts, ich bekam wieder
Selbstvertrauen und fand, daß ich alles anpacken
konnte, was ich nur wollte. Vorher dachte ich immer:
Nein, das kannst Du nicht, Du - ein Behinderter, das
ist unmöglich. Doch plötzlich hatte ich wieder
Lebensmut, schob die negativen Gedanken zur Seite
und dachte nur noch das Eine:"Ich kann alles, was
ich mir vornehme".
Nach seiner Ausbildung begann sich Gottfried nach
einer Stelle umzusehen, hatte aber nicht viel Glück.
"Damals gab es viel Arbeitslosigkeit, und außerdem
betrachteten viele Arbeitsgeber meine Behinderung
als ein Handicap. Aber ich gab nicht auf, schickte
eine Bewerbung nach der anderen ab und bekam
schließlich eine Anstellung bei einer sehr
interessanten Computerfirma in Trier, wo ich auch
heute noch in der Entwicklungsabteilung beschäftigt
bin".
Wir fragen Gotty, wie es dazu kam, daß er begann, an
Radrennen teilzunehmen.
"Eigentlich verdanke ich das meinem Sohn Daniel, daß
ich mich dazu aufrappelte, mein erstes Rad zu
kaufen", sagt er. "Daniel wurde 1986 geboren, und
ein Jahr später schaffte ich mir ein Rad an, um ihn
im Kindersitz spazieren zu fahren. Das Radfahren
klappte gleich recht gut und machte mir großen Spaß.
Mit der Zeit ging es dann immer besser, und ich
wollte allmählich schneller fahren und mich mehr
fordern. Die Geschwindigkeit war ich ja vom
Motorradfahren her gewöhnt. Zufällig erfuhr ich von
einem Radwettkampf für Behinderte, das erste Mal,
dass ich so etwas hörte, und irgendwie ergab es sich
dann, dass ich 1993 am ersten Radfahrwettbewerb
teilnahm. Ich trainierte mächtig, erreichte schnell
gute Leistungen und wurde ein Jahr später Deutscher
Meister im Radwettbewerb für Behinderte".
Nach Gottys Worten ist es unmöglich, einen
derartigen Wettkampfsport ohne finanzielle
Unterstützung zu betreiben. Er suchte selbst lange
nach einem geeigneten Sponsor, ohne viel Erfolg -
bis er sich vor etwa drei Jahren mit dem
isländischen Prothesenhersteller ÖSSUR in Verbindung
setzte, der sich sofort an einer Zusammenarbeit
interessiert zeigte. "Die Firma ÖSSUR sponsort mich
nunmehr seit Jahresbeginn 1998, und damit hat sich
meine Situation vollkommen geändert. Jetzt kann ich
mich voll auf mein Training und meine Wettkämpfe
konzentrieren, ohne dauernd finanzielle Sorgen haben
zu müssen. Das ist es, worauf es ankommt". Selbst
trägt Gotty seit 1995 Prothesen von ÖSSUR. Beim
Radfahren benutzt er einen ICEROSS SPORT Liner, eine
ICEFLEX ENDURANCE Kniekappe, einen ICEX-Haftschaft
sowie einen Vari-Flex-Fuß, den er auch sonst nicht
ablegt.
| Glück im Leben
Gotty stand bei Radfahrwettkämpfen für Behinderte
bereits unzählige Male auf der Siegertribüne. 1998
wurde er Weltmeister im Straßen-Einzel-Zeitfahren in
Colorado Springs USA und stellte im gleichen Jahr
einen neuen Weltrekord in 4000m Verfolgung Bahn
sowie einen neuen Welt- und Europarekord im
Straßen-Einzel-Zeitfahren auf. Seit dem
Weltmeistertitel 1998 bis heute gewann er 3 mal den
Europameistertitel und 34mal den Deutschen
Meistertitel.
Und Gotty beschränkt sich nicht nur auf
Behinderten-Radrennen, sondern nimmt auch aktiv an
Wettkämpfen Nicht-Behinderter teil, und sogar mit
sehr gutem Erfolg. "Eigentlich kämpfe ich öfter mit
Nicht-Behinderten", sagt Gotty, "denn dort treten
sehr viel mehr Sportler an, und es finden häufiger
Wettkämpfe statt. Solche Kämpfe sind für mich ein
ausgezeichnetes Training und stimulieren mich. Sehr
of schneide ich auch gut ab, wurde z.B.
Rheinland-Pfalz-Meister im Sommer 1999, worauf ich
natürlich sehr stolz bin.
" Was ist wohl der Schlüssel zu Gottys Erfolgen, und
wie läßt es sich miteinander vereinbaren, ein
erfolgreicher Sportler zu sein und gleichzeitig voll
im Arbeitsleben zu stehen? "Ich bin in der
glücklichen Lage, wohlwollende und verständnisvolle
Vorgesetzte und Arbeitskollegen zu haben, die mir in
meinem Radsport beistehen und mich ermutigen. Das
ist natürlich unschätzbar. Aber ohne die
Unterstützung meiner Familie wäre ich nie dorthin
gekommen, wo ich heute bin. Meine Frau und mein Sohn
sind meine ganz großen Stützen". Und er erzählt
weiter: "Damit alles aufgeht, muß ich mir selbst
viel Disziplin auferlegen, muß viel trainieren,
gesund essen und ausreichend schlafen. Ich radele
immer zur Arbeit, was etwa eine Stunde in Anspruch
nimmt - das ist natürlich schon eine gute Bewegung.
Nach der Arbeit geht es direkt zum Training - das
sind dann noch einmal zwei bis drei Stunden auf dem
Rad. Einige Male in der Woche gehe ich zudem ins
Fitnessstudio. Und in der Wettkampfzeit, d.h. von
Anfang April bis Ende Oktober, nehme ich jedes
Wochenende an irgendeinem Rennen teil. Mein
Tagesablauf ist damit natürlich bis oben hin
vollgepackt, aber irgendwie klappt das alles. Ich
hätte allerdings nichts dagegen, wenn der Tag 48
hätte, aber natürlich wäre es am günstigsten, nur
halbtags zu arbeiten.“ Gottfried sagt, das Leben
habe es mit ihm gut gemeint. Durch das Unglück mit
seinem Bein habe er eine neue Einstellung gefunden,
einen neuen Sinn im Leben. "Vor dem Unfall habe ich
nicht viel über die Dinge nachgedacht, mich nur mit
meinem Motorrad beschäftigt und kein besonders Ziel
vor Augen gehabt. Durch den Unfall begann ich mir
über mein Leben Gedanken zu machen, und meine
Computerausbildung gab mir mein Selbstvertrauen
zurück. Und daß ich das Radfahren entdeckt habe -
das war wohl mein größtes Glück. Heute genieße ich
das Leben und lasse mich schon lange nicht mehr
durch meine Behinderung von irgendetwas abhalten.
Ich lasse das nicht mehr alle meine Gedanken und
meine Aktivitäten beeinflussen. Heute mache ich das,
wozu ich Lust habe. So einfach ist das."
| Eisernes Training für Athen
Mit seiner Willensstärke und positiven Lebenshaltung
hat Gotty sein Ziel erreicht. Seine Tatkraft und
Konzentrationsfähigkeit sind zu bewundern. Es ist
deshalb auch nicht erstaunlich, daß er des öfteren
aufgefordert wird, anderen von seinen Erfahrungen zu
berichten, z.B. mit Vorträgen auf Ärztetagungen. Er
nimmt auch aktiv an Veranstaltungen von ÖSSUR teil,
auf denen die Firma ihre Prothesenprodukte vorstellt
und wohin viele Besucher kommen, die Gotty
ansprechen und von ihm den einen oder anderen guten
Rat erhalten. "Es ist mir eine tiefe Freude und
Befriedigung, wenn ich etwas von meinen Erfahrungen
weitergeben und anderen Behinderten helfen kann, die
mit denselben Problemen zu kämpfen haben wie ich vor
vielen Jahren". Gotty läßt viel von sich hören, wenn
es um den Behindertensport geht und setzt sich
motiviert für verbesserte Bedingungen für behinderte
Sportler ein. Er nimmt tatkräftig an den
Vorbereitungen von Radwettkämpfen teil, war z.B. der
Initiator des Europa-Cups im Radrennen, der vor 7
Jahren zum ersten Mal gefahren wurde, und hat großen
Anteil daran, daß heutzutage Behinderte immer öfter
an der Seite nicht behinderter Athleten kämpfen.
Sein Wunschtraum ist, daß die Teilnahme Behinderter
an großen Wettkämpfen eines Tages genauso
selbstverständlich sein wird wie die anderer
Sportler. In den letzten Monaten hat Gottfried
Müller allerdings wenig Zeit für gesellschaftliche
Aufgaben, denn seine ganze Energie konzentriert er
nun auf die Vorbereitung der Olympischen Spiele in
Athen im kommenden September. "Ich habe den ganzen
Sommer über angestrengt trainiert und verbessere
mich immer mehr", meint er. "Ich trete sowohl beim
Bahnrennen an als auch beim Straßenrennen, und mein
Ziel ist natürlich eine Medaille. Da ich jetzt in
einer guten Form bin, ist in Athen alles möglich.
Wer weiß."
Interview: Bergjot Fririksdóttir